Porträt über Elspeth Beard: "Damals interessierte sich niemand dafür"

Mit 24 Jahren reiste sie Anfang der Achtzigerjahre mit dem Motorrad allein um die Welt. Damals interessierte sich niemand für ihre Geschichte. Nun hat sie sie aufgeschrieben.


Erschienen am 6. Dezember 2019 im Craftrad Magazin


Elspeth Beard ist gerade in Italien. Seit dreieinhalb Jahren baut sie dort eine Ruine zu einem Wohnhaus aus. Alle paar Wochen reist sie von England aus in den Süden, wie sie mir erzählt. Sie nennt das ihre „working holidays“, wenn sie in der zerfallenen Landvilla in Piemont Böden verlegen und Wände verputzen kann. Elspeth Beard ist Architektin. Für ihr erstes Projekt — ihr eigentliches Zuhause — gewann sie einige Preise: ein viktorianischer Wasserturm in der Nähe von Guildford, Surrey, dem sie sich Ende der Achtzigerjahre annahm. Es ist ironisch, dass es dieser Turm war, der sie damals bekannt machte.


Ausgerechnet ein seiner Zeit entrücktes Gebäude, das verspricht, sich der Welt da unten etwas entziehen zu können, sollte Beard Ruhm verschaffen, nachdem sie im Alter von 23 Jahren auf ihrem Motorrad 56.000 Kilometer allein um die Welt gereist war. „Damals interessierte sich nun einmal niemand für meine Reise. Aber damals gab es auch nicht viele Menschen, die allein um die Welt gereist waren. Um mich herum gab es niemanden, der verstehen konnte, was das eigentlich bedeutete.“ Weshalb es auch wenige Magazine oder Zeitungen gab, die ihre Geschichte erzählenswert fanden: „Bevor ich 1982 abreiste, hatte ich einige Bikermagazine angeschrieben. Nur Absagen. Die Redaktionen wurden fast ausschließlich von Kerlen geleitet. Entweder glaubten sie nicht, dass ich das wirklich machen würde. Oder sie hatten kein Interesse daran, mir dafür eine Plattform in ihren eigenen Reihen zu geben.“


Beard spricht selten von „Männern“. Sie nennt sie, sowohl als ich sie interviewe, als auch in ihrer Autobiografie "Lone Rider", die vor zwei Jahren erschien, fast immer „blokes“, also: Kerle, Typen, Macker. Damit meint sie diejenigen Männer, die auch Motorrad fahren – und auch sich selbst, wenn sie erzählt, dass sie oft für einen solchen gehalten wurde, solange sie ihren Helm auf behielt. In den Vereinigten Staaten nahm sie ihn an Tankstellen lieber ab, weil sie als vermeintlicher „Wild One“ sonst nicht bedient wurde; im Iran ließ sie ihn lieber auf, um sich auf den Straßen frei bewegen zu können. „Damals gab es ohnehin nur Motorradkleidung für Männer. Dass auf einer wuchtigen, acht Jahre alten BMW R60/6 eine Frau Mitte zwanzig sitzen sollte, war außerhalb der Vorstellung.“ Das wundert nicht, schließlich war ein solches Auftreten auch für Männer nicht gewöhnlich gewesen.


Was sie zu dieser Reise bewegte, liest sich in ihrer Autobiografe wie ein Klischee: Ihr damaliger Freund, den sie für die große Liebe hielt, verließ sie von einem Tag auf den anderen, ihre Prüfungen an der Universität vermasselte sie daraufhin. Eine Reise durch die Vereinigten Staaten auf dem Motorrad hatte sie mit ihrem Bruder schon gemacht. Sie wollte weg, sie hatte Erfahrung, nur kein Geld. Weil sich keine Sponsoren finden ließen („Wir hoffen, du nimmst einen zweieinhalb Meter großen Mann mit, der Karate kann“, hieß es in einer Absage), hatte sie ein paarMonate lang zwei Jobs, um von der amerikanischen Ostküste über Neuseeland zumindest nach Australien zu kommen. „Nach Australien plante ich nicht mehr als drei Tage im Voraus. Ich war vorbereitet, ja — vorbereitet, meine Route ständig zu ändern, je nach der Lage, die ich vorfand.“


Ob sie in der Zeit nach der Islamischen Revolution, nach den Guerillaaufständen der Roten Khmer, in Zeiten, in denen die Sikhs um einen eigenen Staat kämpften und der Kalte Krieg die Welt in Blöcke teilte, nicht Sorge hatte, die Welt allein zu bereisen? „Natürlich hatte ich auf dem Schirm, was in anderen Ländern so vor sich ging. Mir kam die Welt aber so groß vor und was dort passierte, so weit weg, dass ich nicht viel darüber nachdachte. Für mich stellten sich nur etappenweise Fragen wie: Wie komme ich an diesen nächsten Ort? Wie komme ich an Geld? Wie löse ich das Problem, das ich gerade habe?“


Probleme hatte Beard über zweieinhalb Jahre einige zu lösen: Nicht zu verhindernde, wenn Hitzewellen oder Regenstürze das Fahren im Outback zur Qual oder sogar unmöglich machten. Ärgerliche, wenn ihr die Ausreise aus Indien verweigert wurde, Grenzen, Straßen und Pässe geschlossen waren. Kaum zu lösende, als ihr in Singapur alles Hab und Gut samt ihres Passes gestohlen wurde. Doch zu lösende, wenn an ihrer R60 die Elektronik durchgebrannt war. Gefährliche, wenn Männer sie belästigten. Schmerzliche, nachdem sie zu Beginn der Reise eine Fehlgeburt erlitt und sie sowohl in Australien als auch in Thailand einen Unfall hatte – bei ersterem wurde sie im Krankenhaus, bei zweiterem von einer Familie gesund gepfegt –, und sie zuletzt im Iran noch Hepatitis bekam und nur sieben Tage Zeit hatte, das Land zu durchqueren. Persönliche, wenn ihr der Freund, dessen Kind sie verlor und der später der Vater ihres Sohnes werden sollte, ihr (ohne Motorrad) hinterher reiste – und sie in Kathmandu die Wege eines BMW-fahrenden „bloke“ aus Holland kreuzte, der sie die letzten vier Monate ihrer Reise begleitete und nie ganz loslassen sollte.


„Ich mochte es, allein zu reisen, auch wenn ich gegen Ende sehr einsam wurde. Sobald Mark mich eingeholt hatte und wir eine Woche gemeinsam reisten, wollte ich wieder allein sein.“ Mit Robert sei das anders gewesen: „Er fuhr letztendlich auch eine BMW, eine 80/7. Wir konnten uns helfen, wenn etwas an den Bikes kaputt ging, wir wussten, was zu tun war, wenn wir einen Unfall gehabt hätten. Dass am Ende jemand wie er mit mir reiste, fühlte sich wie Urlaub an: Alles schien mir so viel sicherer.“


Die Sicherheit zur obersten Prämisse des Reisens zu machen, sieht sie trotzdem kritisch. Sie ist froh, so sagt sie, dass sie diese Reise Anfang der Achtzigerjahre machen konnte, und sich die Fragen für sie somit gar nicht stellten, ob sie ein GPS benutzen oder ihre nächste Unterkunft per App buchen solle, ob sie ihrer Familie und Freunden genug Lebenszeichen gebe: „Wenn ich ehrlich bin, dann würde ich das heute vermutlich auch alles nutzen. Aber es ist eben nicht die gleiche Erfahrung. Dass ich wenig über die Länder und Kulturen wusste, dass ich nicht für alle Strecken Landkarten besaß, zwang mich dazu, alles Bequeme zu vermeiden. Ich musste lernen, schnell zu denken und schnell umdenken zu können. Es ging mir in diesem Sinne nicht ums Motorradfahren. Das war nur Mittel zum Zweck, möglichst viel zu erleben, was nicht erwartbar war.“


Wie Beard so nonchalant über ihre Art zu reisen, über ihre Art zu leben spricht, weckt bei mir etwas Empathie bei den Redakteuren, die ihr nicht zutrauten, dass sie diese Reise schaffen würde: Nicht des Geschlechtes wegen natürlich, sondern weil so viel Chuzpe einfach einschüchtert und es leichter fallen würde, das naiv zu nennen – wenn sie nicht durch diese und noch unzählige Reisen danach mehr als genügend bewiesen hätte, dass ihr Selbstbewusstsein berechtigt ist. Dass sie die erste Britin war, die mit dem Motorrad um die Welt gereist war – wie es der Untertitel ihrer Biografe marketingwirksam anpreist – wusste sie bis vor zehn Jahren nicht. „Um einen Rekord ging es mir nun wirklich nicht. Ich wollte nur aus London weg!“, sagt sie.


Als sie heimkehrte – nachdem sie nach den Vereinigten

Staaten und Ozeanien Indonesien, Malaysia, Thailand, Nepal, Indien, Pakistan, Iran und die Türkei, Deutschland und die Niederlande durchquert hatte – und ihre Geschichte auf wenig Interesse stieß, packte sie all ihre Tagebücher, Bilder und Erinnerungsstücke zusammen und verstaute sie. Dass sie in der vergangenen Dekade nun auch als Motorradfahrerin berühmt wurde, ist einem kleinen Text über sie von 2008 zu verdanken, den BMW in Auftrag gegeben hatte. Blogger und die sozialen Medien taten ihr Übriges: „Über die folgenden drei, vier Jahre wurden die Bilder von mir als junger Frau auf meiner R60 überall geteilt. Offensichtlich schienen diese Bilder etwas bei den Leuten auszulösen ...“ Das Offensichtliche spricht sie nicht aus: nämlich, dass sie auf den Bildern verdammt gut aussieht.


Wie sie das wahrnehme, dass ihre Geschichte damals ignoriert wurde und sie jetzt als „erste Frau“ gefeiert werde, die etwas in einem männlich dominierten Bereich erreicht habe? „Das ist die wirklich merkwürdige Reise, die ich durchlebt habe: Dass ich 35 Jahre später von einem Regisseur aus Hollywood kontaktiert werde, der über meine Zeit damals einen Film drehen möchte. Nur deshalb kramte ich all die Kisten wieder hervor. Dem Regisseur habe ich erst mal abgesagt. Ich wollte meine Geschichte zunächst selbst für mich aufschreiben.“ Auch für diese Reise, so sagt sie, hatte sie sich Stück für Stück in ihren Erinnerungen vortasten müssen: „Dass ich als Legasthenikerin ein Buch schreiben würde, lag mir sehr fern.“ Nein, sie habe vor dem Schreiben keine Biografen von Pionierinnen oder Idolen gelesen, um sich darauf vorzubereiten. Sie schrieb es dann einfach.

© 2020 CAROLINE JEBENS