Comedian Teddy Teclebrhan: Deutschland, bisch stabil?

Aktualisiert: Juni 2

Der Komiker Tedros „Teddy“ Teclebrhan spielt mit den Klischees und hat ein unvergleichliches Gespür für das Humorpotential der deutschen Sprache.


Erschienen am 24. Mai 2020 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung


Frage: „Soll mer mal ’n bissle Gosschpl in dein Herz rein tun?“ Seit drei Wochen stellt sie Antoine Burtz am Anfang seines neuen Musikvideos, das bereits 2,7 Millionen Mal auf Youtube angeklickt wurde. „Deutschland isch stabil“ heißt sein Lied, und man fragt sich: Fragt er diejenigen, die sich dank Quarantäne traurig, weil allein und zu Hause sitzend, wiederfinden, um lustige Musikvideos im Netz zu schauen? Oder stellt er diese Frage nicht vielleicht doch etwas allgemeiner: Ja, soll mer mal ’n bissle Gosschpl in dein Herz rein tun, Deutschland? Kannst du dich so wenig ernst nehmen, dass du die grammatikalische und lautmalerische Verunstaltung deiner Dichtersprache hinnehmen kannst – und zwar bis zum bitteren Satzende?


Antoine Burtz singt das Lied nicht allein, sondern mit Tedros „Teddy“ Teclebrhan. Sie sind die gleiche, aber nicht dieselbe Person: Was sie gemein haben, ist, dass sie nach Deutschland immigriert sind, Teclebrhan als Junge mit seinen Brüdern und seiner Mutter aus Eritrea ins Schwabenland, Antoine aus einem unbestimmten Ausland nach Deutschland. Auch egal, weil: Ausland.


Antoine ist eine von acht Rollen, die Teclebrhan seit fast zehn Jahren im Netz, im Fernsehen und auf der Bühne spielt. Da gibt es unter anderem Percy, mit Topffrisur, Vaterkomplex und Aggressionsproblem; den Amerikaner Lohan Cohan, stets beeindruckt von Deutschlands Hinterwäldlerdasein; den Italiener Guido, der leidenschaftlich ins seiner „Cucina“ kocht; und Ernst Riedler, schwäbischer Rentner, der mit diesen ganzen „Batschake“ (oder wie er sich selbst schnell korrigiert: „die mit Migrationshintergrund“) wenig anfangen kann, auch wenn er gern ab und zu mal „zu den ihre Musik“ tanzt. Seinen Erfolg verdankt Teclebrhan aber vor allem seinem Feature-Artist Antoine, durch den er 2011 mit dem Youtube-Video „Umfrage zum Integrationstest (was nicht gesendet wurde)“ berühmt wurde.


Auf der Straße wird er von einem vermeintlichen Fernsehteam gefragt, wie denn der Bundeskanzler von Deutschland hieße. „Irgendwas mit Angelo ... Angelo Merte?“ Ein gar nicht mal so lustiger Witz, der seine Pointe erst viel später entfalten sollte: Denn nicht nur sehr viele, sehr gut integrierte Deutsche machten sich über einen scheinbar ungebildeten, schwarzen, Slang redenden Mann im Feinrippunterhemd lustig (weil sie selbst ganz genau wissen, dass der Bundeskanzler natürlich Angela Merkel heißt!) – sondern ihr allgegenwärtiger Humorhirte Stefan Raab, der die Szene als ewigen Einspielkalauer für seine Comedy-Show „TV Total“ benutzte. Raab gab sich damals nicht mal die Mühe, sich beispielsweise über Jugendliche mit migrantischem Hintergrund in selbstgeschriebenen Witzen lustig zu machen – er führte sie einfach gegen Jugendliche mit geringer Bildung in seinem „Integrationscheck“ vor. Der Clip von Antoine passte nur allzu perfekt in seine Show und zu seiner Art Humor.


Als dann herauskam, dass das ja alles nur gespielt (ein Spaß!) war, tat Raab das Einzige, was er tun konnte, und lud Teclebrhan in seine Show ein. „Das könnte echt sein!“, bezeugte er „Teddy“ (den er lieber so nenne, weil Tedros so schwer auszusprechen sei), und Teclebrhan konterte grinsend: „Das war auch zum Teil echt. Vieles davon bin ich, ein Teil davon ist gespielt.“ Raab lachte unbeholfen. Teclebrhans Karrierebeginn war damit nicht nur ein Zufall (er bekam zur gleichen Zeit, als das Video viral ging, von ZDFneo eine eigene Show) – er war ein subversiver Akt gegen den deutschen Humor. Denn nichts finden Deutsche scheinbar witziger als Klischees, außer, wenn sie sie bestätigt sehen.


Und schaut man sich die weiteren Auftritte Teclebrhans bei „TV Total“ an, wird deutlich, was ihn als Entertainer damals schon so viel besser macht als Raab: Er ist spontan, denkt unglaublich schnell, ist schlagfertig. Raab beobachtet ihn fasziniert, er kann nicht reagieren. Man schämt sich ein bisschen für ihn, weil er einfach so unglaublich einfallslose Fragen (meist zum Ausländersein) stellt und anscheinend so, ohne Skript, nicht über sich selbst lachen kann.


Teclebrhan ist hingegen ausgebildeter Schauspieler (er spielt unter anderem in „Bad Banks“ und „Systemsprenger“ mit), und sein größtes Talent liegt in der Improvisation. Er lässt sich dafür auf das Absurde seiner Rollen ein, auf all das, was man eben nicht skripten kann, und daraus zieht er die größte Stärke als Komiker: Er hat keine Angst, sich zu blamieren.


Denn er baut keine Hierarchie zwischen sich als Performer und dem Publikum auf, wie es Raab (damals weniger umstritten) und deutschsprachige Comedians heute (oft sehr umstritten) tun. „Ich bin kein weiser Mann und auch kein Prophet“, singt er in „Deutschland isch stabil“, und vielleicht ist es genau das, was Teclebhran so viel besser macht: Er hat kein Interesse als weiser Mann, wie Dieter Nuhr sich offensichtlich sieht, oder Prophetin der politischen Unkorrektheit, wie Lisa Eckhart sich scheinbar wahrnimmt, aufzutreten. Er unterhält einfach nur.


Wohl spielt er dabei mit Klischees für seine Rollen. Aber er spielt sie auch aus. Das zeigt sich vor allem darin, wie er die deutsche Sprache benutzt: Er kreiert Begriffe, Idiome, gar Anti-Aphorismen („Ich mag den Geräusch, den du machsch, wenn du dein’ Schnauze hälsch“) auf so spontane Weise, dass sie lustiger sind als durchdachte Wortspiele und Pointen. Und klar wird: Ob Antoine oder Riedler reden, Slang und Schwäbisch sind sich in der Verachtung fürs Hannoveranische sehr einig.


Antoine hat sich auch während seiner Quarantäne von einem Dokumentationsteam begleiten lassen. Im Wald versteckt er sich vor Corona und seiner Freundin Helene („Chelene“), weiß, ob man das Virus hat („Bisch du von Gefühl her einer der des hat oder nicht?“), und warnt davor, den neu trainierten Körper über Skype präsentieren zu wollen („Tu alles flexen ... aus VersehenChelen’ sein Vater angeklingelt.“)


„Ich bin kein weiser Mann und auch kein Prophet“, singt er mit Tedros Teddy Teclebrhan, und weiter: „aber eins weiß ich genau: Hier ist gar nichts zu spät“. Man kann immer ein bisschen Gosschpl in sein Herz rein tun.

© 2020 CAROLINE JEBENS