Onlyfans: Die Mädchen von nebenan

Auf der Plattform „Onlyfans“ wird Sex als Lifestyle verkauft. Während der Pandemie stieg die Zahl der Mitglieder von sieben auf neunzig Millionen. Über die Grenzen des Legalen und Legitimen wird gestritten.


Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 21. Februar 2021


Was ich über Levi weiß: Sie lebt in Kanada. Sie hat vier Schwestern. Ihre unvergesslichste Erfahrung ist, ein Neugeborenes in den Armen zu halten. Junges Leben, sagt sie, „ein großartiges Gefühl“. Sie ist nicht selbstbewusst und fragt sich jedes Mal, nachdem sie etwas

hochgeladen hat, ob sie es nicht gleich wieder löschen soll. Levi hat langes rotes Haar und große Brüste. Sie hat keine Angst, dass sie jemand deshalb nicht ernst nehmen könnte, denn sie „möchte absolut nicht ernst genommen werden“. Und, „zum tausendsten Mal“: Sie macht

keine Pornos.


Levi heißt mit vollem Namen Levi Coralynn, was selbstredend nicht ihr echter Name ist. Sie wurde mir über Instagram angezeigt, dort hat sie zwei Kanäle: YourLittleRedhead mit 51.000, LeviCoralynn mit 363.000 Followern. „Thanks for following“ steht da, und „I love you“. Darunter ein „Linktree“, dessen Blätter, wenn man darauf klickt, fast alle wichtigen Plattformen darstellen: Youtube, Twitter, Tiktok. Facebook, Reddit, Patreon. In der Baumkrone: Onlyfans.


Sie mache keine Pornos, sagt Levi, sie sei eine „Kreative“. Ein Abonnement kostet bei ihr sechs Euro

Eigentlich darf das Levi nicht mehr, ihr Onlyfans bewerben. Zum Ende letzten Jahres veränderte Instagram seine Richtlinien: „Versuche, sexuelle Dienstleistungen für Erwachsene oder Handlungen, die im Zusammenhang mit Prostitution stehen“ sollen fortan „koordiniert“ werden. Wenn „Inhalte sexuelle Begegnungen oder gewerbliche sexuelle

Dienstleistungen zwischen Erwachsenen fördern oder unterstützen“, dann sei eine „Grenze erreicht.“ Dann wird man gelöscht.


Ja, die Grenze. Wo die sich befindet, ist bekanntlich die große Frage, wenn es um Sex geht, und eine, die seit #MeToo heftig diskutiert wird: Wann hört Flirten auf und beginnt Belästigung? Wo hört Nacktheit auf und beginnt Erotik? Wo endet Einvernehmlichkeit, wo beginnt Übergriffigkeit? Und: Ist sie objektiv auszumachen, diese Grenze, oder kann sie doch nur subjektiv, gar situativ festgestellt werden?


Levi jedenfalls zieht von sich aus eine, indem sie unterscheidet. Sie mache keine Pornos, sie ist eine „Kreative“. Auf Instagram inszeniert sie sich in freizügigen Fotos oder kurzen Videoclips, kaum geschminkt, in Shirts und kurzen Röcken. Das Mädchen von nebenan. Und wer mehr von ihr sehen möchte, kann auf Onlyfans oder Patreon ihr Abonnent werden: Für sechs Euro im Monat bekommt man Nacktfotos, für 20 Euro mehr.


Onlyfans gibt es bald seit fünf Jahren. Die Idee ihres Begründers Tim Stokely ist simpel: eine Plattform für Influencer, die Lifestyle vermarkten und dort schöne Bilder und Videos von Kochen, Yoga, Fitness, aber – wer mag – auch Sex hochladen. Eine grenzüberschreitende, konsequente Fortsetzung von Instagram quasi. Hier dürfen sich Menschen also „sexuell

begegnen“ – ja, sie dürfen sogar Geld damit verdienen. 80 Prozent ihrer Einnahmen streichen sie selbst ein, der Rest geht an das Londoner Unternehmen.


Zwei Dinge, die Menschen im Pandemiejahr 2020 fehlten: Geld und Sex, und es verwundert daher nicht, dass Onlyfans’ Mitgliederzahl innerhalb eines Jahres von 7 auf 90 Millionen anstieg, davon eine Million „Kreative“ – 2019 waren es noch 120 000 gewesen. Stars, wie die

Schauspielerin Bella Thorne oder Sängerin Cardi B meldeten sich an und wurden prompt kritisiert, weil es ihnen doch wohl weder an Sex noch an Geld fehle. Thorne hatte Bilder verkauft, die sie schon auf Instagram gepostet hatte. Onlyfans machte daraufhin seine Regeln strenger: Trinkgelder und Bilderpakete durften einen gewissen Preis nicht über-schreiten. Sie hatte, wie vereinbart, nicht eine Grenze überschritten und sich noch etwas nackter als sonst gezeigt; dafür wurden dann diejenigen bestraft, die auf Trinkgelder angewiesen wären.


Wie Sexarbeiterinnen und Stripper, die versuchten, auf den lukrativen Sexarbeitsmarkt im Netz umzusteigen, wenn Clubs und Bordelle geschlossen sind. Aber auch Kellnerinnen, die beispielsweise in den Vereinigten Staaten nicht gekündigt wurden (mit der Aussicht, es

könne bald „weitergehen“) und daher weder Gehalt noch Arbeitslosengeld erhielten. Furore machten dann Berichte über eine Krankenpflegerin, eine Lehrerin, eine Mechanikerin, die parallel Geld auf der Plattform verdienten und gar ihren Job kündigten, um mit erotischen Inhalten ein Vielfaches ihres vorigen Gehalts einzunehmen. Oder die dann doch gekündigt wurden. Mit einer Kollegin, die etwas mit Prostitution zu tun haben könnte, möchte schließlich niemand zusammenarbeiten.


IsMyGirl, ein Konkurrent von Onlyfans, suchte gleich gezielt, die Verliererinnen der Corona-Krise auszumachen: Laut Recherche von Vice warb die Seite aktiv Hotelangestellte oder McDonald’s-Mitarbeitende an, die entlassen worden waren. Verlockend: Sie könnten

90 Prozent Anteil behalten. Die Seite konnte 30 Prozent mehr Anmeldungen

verzeichnen.


Nun dürfen die Camgirls und -boys auf Onlyfans aber auch nicht alles. Beispielsweise dürfen sie nicht Escort-Dienste anbieten oder andere Plattformen bewerben. Sie dürfen nur mit ihren digital abgebildeten Körpern Geld verdienen. Sicher und selbstbestimmt, weil auf Distanz, so könnte man meinen. Wo hört noch mal eine sexuelle Begegnung auf

und beginnt Prostitution? Geht es um den Austausch von Waren, Bildern, Geld? Oder doch um etwas anderes?


Ich klicke mich durch die Kommentare unter Levis Bildern. Ihr letztes Bild zeigt sie in kurzem Rock und Glencheck-Blazer in kanadischer Schneelandschaft. An ihrem weißen Tanktop zeichnet sich ab, dass sie friert. Die Kommentare könnten auch die von guten Freundinnen sein: „Wunderschön!“, „Ich glaube, ich bin verliebt!“, „Meine Liebe, tolles Bild wie immer!“


Ein lächelndes Emoji, dem eine einzelne Träne herunterläuft – ein vorsichtiges Zeichen von Selbstironie?

Ich würde gerne ihre Sicht der Dinge hören und schreibe ihr. Ich bin mir bewusst, wie naiv es ist, zu glauben, dass sie das lesen wird. Aber man weiß ja nie. Derweil klicke ich mich durch ihre anderen Profile: Auf Youtube hat sie nichts hochgeladen; auf Facebook zeigt sie sich

angezogener. 51.000 Follower, genauso wie auf Tiktok, auf dem sie Videos postet, die mir zeigen, dass sie nicht ganz unironisch mit all dem umgeht. Sie hat ein Video mit einem Lied unterlegt, das „Do you only want my body?“ heißt. Dazu ein lächelnder Emoji, dem eine einzelne Träne herunterläuft. Auf Twitter postet sie zwischen Bildern, die ich teils schon von Instagram kenne, ein bisschen Kunst. Helmut-Newton-Polaroids von einer Rothaarigen, die ihren nackten Körper selbstbewusst der Kamera entgegenhält. Das Gemälde eines zeit-

genössischen spanischen Künstlers, eine rothaarige Galateia. Die Geliebte des Zyklopen also. Gilt das auch als Versuch, mich dazu zu verleiten, ihre sexuellen Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen?


Ich kneife ein Auge zu, tippe auf ihren Baum und zahle für ein Sechs-Euro-Abonnement auf Patreon. „Ich danke dir aufrichtig, dass du dich entschieden hast, mich zu unterstützen. Große Umarmung! Hast du sie gespürt? Ich hoffe, dein Tag ist entzückend!“ Sie bittet mich, dass ich ihre Bilder nicht weiterverwenden soll, außer für künstlerische Zwecke. „Küsschen!“ Ich bekomme einige Alben mit Nacktbildern von ihr, jeweils unter einem anderen Motto stehend: High Thigh, Corsett, Without Make-up. Die Kommentare hier sind ähnlich wie die

auf Instagram, wohlwollend, verehrend. War das schon immer so, oder sind wir ins Zeitalter der höflichen Pornographie eingetreten? Oder ist das eine bestimmte Art von Mann, auf die ich hier gestoßen bin? Die Sorte, die nackte Frauen in Glencheck-Blazern vor Schneelandschaft gut findet? Ich schreibe ihr auch hier eine Nachricht und rechne damit, dass sie auch diese nicht lesen wird. Wenn Onlyfans endlich meine Kreditkarte bestätigt, könnte ich ihr vielleicht ein extra Trinkgeld senden, um doch noch etwas über ihre Perspektive zu erfahren.


Regeln und Richtlinien. Es scheint immer wieder auf diese strikte und zugleich oft vage Alliteration hinauszulaufen. Auch Onlyfans löscht immer wieder anscheinend grundlos Accounts. Im August letzten Jahres buchten nach einem vielgeteilten Tweet viele Models ihre Guthaben ab, weil einige Accounts und mit ihnen Kontos blockiert wurden. Vor allem eine Vermutung setzte sich durch: Die Plattform sei überfordert. Zu viel Angebot zerstört die Nachfrage. Offiziell erklärte Onlyfans, die gelöschten Profile hätten gegen, genau, die Richtlinien verstoßen. Die Kreativen hielten dagegen: Niemand kenne die Richtlinien besser

als die Models selbst. Warum sollten sie ihr teilweise einziges Einkommen aufs Spiel setzen, um noch explizitere Inhalte zu liefern, die doch auch woanders zu finden sein könnten?


Was ist aber mit all den kostenlosen Pornos? Schaut die sich niemand mehr an? Im Dezember löschte die kanadische Plattform „Pornhub“ Videos von sexuellen Begegnungen, die nicht eindeutig einvernehmlich waren. Das waren fast 80 Prozent ihrer Uploads, mehr als zehn Millionen Videos. Vor drei Jahren gingen schon Tumblr und Craigslist diesen

Weg; gemäß dem sogenannten „Sesta-Fosta“-Gesetz können Plattformen in den Vereinigten Staaten für alle Inhalte zur Rechenschaft gezogen werden. Vor allem Sex- und Menschenhandel sollte so Einhalt geboten werden. Herauszufinden, welche Inhalte solche Machenschaften förderten und welche nicht, war den Plattformen zu kompliziert. Die Grenze

wurde strikt gezogen und alles gelöscht, was sexuell anmutet. Pornhub ging es allerdings vor allem um Mastercard und Visa. Die Kreditkartenfirmen wollten nicht weiter Zahlungsmittel einer Pornoseite sein, auf der etwa Kindesmissbrauch und Vergewaltigungen zu sehen waren. Das überzeugte offensichtlich schnell, das Gros der Videos zu löschen.


„Ich sehe mich selbst als Künstlerin“, erzählt mir Danika Maia über Facetime.

Sie ist dreißig Jahre alt und lebt in Los Angeles, aufgewachsen ist sie im Silicon

Valley. Ein Freund von mir schickte mir ihr Profil. In Kopenhagen hatten die beiden zusammen im Branding für ein Medienhaus gearbeitet. Seit zwei Jahren arbeitet sie als Camgirl, etwas, das ihr nicht nur sehr viel mehr Spaß macht und sehr viel lukrativer ist, sondern ihr die Freiheiten gibt, die sie sich immer gewünscht hat. „Die Leute, die ein Abonnement abschließen und die wissen, wie eine Transaktion zwischen Kunde und

Sexworker zu verstehen ist, sind meiner Erfahrung nach viel respektvoller als Typen, die mich quasi kostenlos zum Objekt machen.“ Was sie glaube, woran das liegt? „Ich gehe mit meinem Beruf offen um. Ich nehme mein Publikum sozusagen an die Hand, erzähle ihnen von mir, zeige ihnen viele Seiten von mir.“ Sie nennt es eine „bewusste Anstrengung“, das zu tun. Viele Accounts zu haben bedeutet nicht nur, über viele Kanäle auf sich aufmerksam zu machen. Sondern auch verschiedene Facetten von sich zu zeigen, auf unterschiedliche Weise mit Fans zu kommunizieren.


„Jetzt geben sie mir nur noch Trinkgeld, weil ich nett bin und ihnen Aufmerksamkeit schenke.“

Sie kann sich vorstellen, Instagram deshalb zu löschen: „Ich bin der Plattform egal. Ich bin dort nur ein kostenloses Produkt, während ich auf Onlyfans die Kontrolle über mein Produkt habe.“ Früher habe sie Instagram gebraucht, um für sich zu werben, aber das laufe über Telegram und Verlinkungen durch andere Camgirls viel besser. Dadurch habe sie es unter die ein Prozent der Onlyfans-Höchstverdienenden geschafft. Instagram wird unter Zugzwang geraten, glaubt sie. „Sie werden das Geschäftsmodell übernehmen, wie sie es bei Snapchat und Tiktok gemacht haben, und Bezahlschranken für beliebte Accounts einführen. Dass Frauen nackt sind, ist Instagram eigentlich egal.“ Tatsächlich toleriert die Plattform

immer noch stark sexualisierte Motive und fördert darüber hinaus durch ihre Algorithmen bestimmte Körperbilder. Doch Verlinkungen, die von der Seite wegführen, könnten sie nicht mehr so gut daran verdienen lassen. Es geht nicht darum, Minderjährige zu schützen, sondern um finanzielle Interessen.


Ob sich die Pornoindustrie zum Besseren verändert habe? „Meine größten Trinkgeldgeber fragen nicht mehr nach Masturbationsvideos. Am Anfang haben sie ein oder zwei gekauft. Jetzt geben sie mir nur noch Trinkgeld, weil ich nett bin und mit ihnen rede und ihnen Aufmerksamkeit schenke. Das ist eine Riesenentwicklung und wichtig. Es ist ein großes

Privileg, nicht einsam zu sein, das wissen wohl nun alle durch die Pandemie.“ Der

dritte Faktor und vielleicht eigentlich der Grund für den Erfolg von Onlyfans: Su-

che nach Nähe, die beide Seiten sichtbarer macht. Onlyfans verändert also die Verhältnisse nicht unbedingt zum Besseren, denn es ist eine suggerierte Nähe, die der Dienst verkauft. Und auch emotionale Abhängigkeiten können ungesund sein. Vielleicht aber verschiebt er sie ein wenig in Richtung zu größerem Respekt.


Keine der Kreditkarten, die ich angebe, wird akzeptiert. Anscheinend gebe ich stets den falschen Centbetrag an, um nachzuweisen, dass ich vertrauenswürdig bin. Ich bin mir auch gar nicht mehr sicher, ob ich Levis Account sehen will, und schaue mir für die Recherche kostenlose Accounts an, die ich alle furchtbar finde.


Patreon benachrichtigt mich, dass „Miss Levi Coralynn“ mir geantwortet hat: „Könntest du mir Fragen schicken, die du gerne von mir beantwortet haben möchtest? Dann kann ich anhand dessen entscheiden, ob ich mich damit wohlfühle.“ Dazu ihre private E-Mail-Adresse. Ich sende ihr ein paar Fragen zu und höre lange nichts. Als sie auf Instagram ankündigt, dass sie heute alle Nachrichten beantworten werde, schreibe ich ihr noch mal. „Leider werde ich es nicht schaffen“, sie hätte das früher wissen müssen. Wenn sie mir aber in Zukunft noch behilflich sein könne, solle ich es sie wissen lassen.


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