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Ivy-League-Stil: Preppy in Black

Zopfpullis und Loafer sind die Insignien des ­weißen ­College-Stils. Eine Kollektion des amerikanischen Designers Ralph Lauren ist von schwarzen Universitäten ­inspiriert. ­Was bedeutet er für Schwarze Amerikaner?


Erschienen am 24.04.2022 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.


Es gibt Begriffe, die sind so amerikanisch, dass sie sich nicht ganz einfach übertragen lassen. „Preppy“ beispielsweise oder „Ivy“. Um zu verstehen, was sie bedeuten, muss man sich nicht unbedingt etymologisch einlesen – es reicht, sich einen jungen Mann vorzustellen.

Er trägt ein Button-Down-Shirt und Loafer, hat einen Zopfmusterpulli um die Schultern gelegt. Vermutlich liest er, vielleicht raucht er. Ziemlich sicher ist er weiß, und das efeuberankte College, das er besucht, befindet sich an der amerikanischen Ostküste. Es soll ihn auf sein Leben vorbereiten. Dieses Leben, das steht fest, kann vieles sein: ein intellektuelles, ein unternehmerisches, ein politisches – in jedem Falle wird es ein erfolgreiches sein. Und dazu gehört, mit wem er sich umgibt, wie er spricht – und wie er sich kleidet.


Er ist der amerikanische Traum. Und seinen Ausdruck findet er im Preppy-Look der Ivy-League-Universitäten. Einen „selbstbestimmten Stil“ nennt ihn Ralph Lauren. Seit Jahrzehnten bemüht sich der amerikanische Designer, genau diesen immer wieder neu zu definieren. Zum Frühjahr brachte er also wieder eine Kollektion heraus, die versucht, ein „Portrait of an American Dream“ zu zeichnen. Dieses Bild zeigt wieder junge Studierende in Hemden und Pullovern. Doch diesmal ist es nicht – wie sonst – von weißen Eliteuniversitäten, sondern von historisch schwarzen Colleges inspiriert. „Das Porträt des amerikanischen Stils und der amerikanische Traum wären unvollständig ohne schwarze Erfahrungen wie diese“, erklärt Lauren pflichtbewusst aus dem Off im halbstündigen Kampagnenfilm. Ein bisschen zynisch, denn klar: Was wäre der amerikanische Traum der Weißen, wenn es nicht die Schwarzen geben würde, die in der harschen Realität leben müssen?


Die Gentlemen am Morehouse College


Darum geht es der Kampagne nur bedingt. Nach den tiefgreifenden Protesten in den Vereinigten Staaten vor zwei Jahren versprachen einige Modeunternehmen, Schwarze nicht nur besser zu repräsentieren – sondern auch kreativ einzubeziehen. Deshalb wurde nun Laurens Konzept-Designer James Jeter für die künstlerische Leitung verpflichtet. Jeter hat das Morehouse College besucht, eine Eliteuniversität für schwarze Männer, und schlug Lauren vor, den College-Style seiner Uni mitzudenken – gerade weil Kleidung zentral für das Selbstverständnis schwarzer Akademiker sei.


Die Kollektion, die daraus entstand, ist dabei vor allem eins: nostalgisch. Tweed-Blazer, Vintage-Strickpullover mit Universitätslogo, alles im Stile der 1920er- bis 1950er-Jahre, klassische Herrenmode. Die Alumnae vom Spelman College derweil, einer Eliteschule für schwarze Frauen in Atlanta, tragen in dem Film vor allem viele weiße Kleider: das dort traditionelle „White Attire“, wie die Präsidentin des Colleges erklärt – schlicht und elegant, „vollkommen und respektabel“. Das klingt nicht nur nach dem altmodischen Ideal einer Frau, es sieht auch so aus. Stilistisch gibt es also keinen zeitgenössischen Bezug – dieser wird allein durch die Protagonisten des Films hergestellt. Beispielsweise erklärt ein Morehouse-Professor, was es bedeutet haben muss, als der Bürgerrechtler Howard Thurman 1919 in der Vorlesung saß und er wie seine Kommilitonen dort erstmals als „young gentlemen“ angesprochen wurde: „Es stärkte den Studierenden den Rücken, sie entwickelten ein neues Selbstverständnis dafür, wer sie sein können.“ Haltung durch Form sozusagen.


Und ein Gentleman zu sein, das bedeutete damals unter anderem: betont gut gekleidet zu sein. Man richtete sich nach dem Mantra der „five wells“: „Well read, well spoken, well traveled, well dressed, well balanced“, also: belesen, eloquent, weit gereist, adrett und ausgeglichen. Ein junger More­house-Student, der sich Mitte der 1940er-Jahre besonders danach richtete (und durch seine stets perfekte Garderobe auffiel, dass man ihn „Tweedie“ nannte), war Martin Luther King.


Einer der Protagonisten des Lauren-Films, ein junger Student (ohne Kragen), der seinen Universitätsabschluss erst noch machen muss, stutzt, während er ein altes Jahrbuch ansieht: „Das war ja 1925, also konnten sie noch nicht wählen.“ In welch anderer Welt er doch aufwachse – eine Welt, in der es bereits einen schwarzen Präsidenten gegeben hat, eine Welt, in der die Vizepräsidentin Alumna eines historisch schwarzen Colleges ist. In der Zeit, in der sich die Kollektion verortet, durften Schwarze zwar studieren und Berufe ergreifen – es würde jedoch noch Jahrzehnte brauchen, bis sie auch entsprechende politische Teilhabe erlangen würden.


Die Forderung nach gleichen Rechten – auch beim Stil


Was bedeutet der Kleidungsstil an den Colleges also für Schwarze? Der Autor und Stylist Jason Jules hat zu dieser Frage ein Buch herausgegeben, „Black Ivy – A Revolt in Style“. Gemeinsam mit Graham Marsh, der das Buch gestaltete, zeigt er „eine Geschichte der Herrenmode“ und stellt voran: „Es wird oft fälschlicherweise behauptet, dass sich schwarze Männer diesen Stil aus einem tiefen Minderwertigkeitsgefühl heraus, aus dem Wunsch heraus, weiß zu sein, aneigneten.“ Das stimme so nicht. Vielmehr sei es doch so, dass gewisse Kleidung einen Wunsch formulierte: „Zu zeigen, dass sie die gleichen Rechte haben, die ihnen so hartnäckig verweigert worden waren.“


Dennoch: Wie konnte der Stil, welcher der britischen, später der amerikanischen Oberschicht so zuverlässig dazu gedient hatte, um sich abzugrenzen, auf subversive Weise getragen werden? „Der Status quo wurde gleichzeitig infrage gestellt und geehrt“, schreibt Jules. Denn darum sei es gegangen: die gleichen Rechte innerhalb des bereits bestehenden Systems zu erlangen, nicht es zu stürzen – „zumindest anfangs nicht“. Sich elegant zu kleiden, das mutete bereits als Griff zur Gleichberechtigung an.


Das politische Potential dieses „Black Ivy Style“ entfaltete sich dann aber nicht nur an den Universitäten, es gab ihn auch im urbanen Leben, vor allem in Washington, Harlem und Chicago. Die Autoren zeichnen nach, wie zentral vor allem die Literaten (James Baldwin in zeitlos lässiger Lammfelljacke), die Musiker (Miles Davis als der „Warlord of the Weejuns“, nach einer populären Sorte Loafer) oder die modernistischen Künstler (Charles White mit Kragenstift) waren, um diesem Stil tatsächlich eine Lässigkeit zu verleihen: „Birth of the Cool“, nach Davis’ legendärer Platte. Es sei ein Missverständnis, so Marsh, dass ein konservativer Dresscode auch einer konservativen Einstellung entspreche: Beispielsweise sei Ralph Ellisons Roman „Invisible Man“ zentral für die Black-Panther-Bewegung gewesen – ein Beispiel, das Marshs Argument aber untergräbt, wurde Ellison damals doch vorgeworfen, nicht vehement genug für einen Wandel einzutreten.


Den Dresscode der Weißen neu interpretiert


Dennoch ist es eine zentrale Beobachtung: Die bis heute für den Mainstream nachwirkende „Coolness“ des Ivy-Stils entstand, weil es gewisse Intellektuelle, Künstler und Filmstars gab, die ihn für sich interpretierten. Zwar bediente man sich einer weißen Ikonographie, doch das Individuelle, das war schwarz – indem man sich nicht an die strikten Dresscodes hielt: „Die Ironie besteht darin, dass viele schwarze Ivyisten sich zuerst so kleideten, um im Mainstream akzeptiert zu werden. Doch indem sie dem Stil einen gewissen eigenen Schneid, eine gewisse Haltung verliehen, unterschieden sie sich augenscheinlich.“ Genau das spiele eine wichtige Rolle für die Bürgerbewegung: Denn einen gewissen Stil für sich zu beanspruchen bedeutet schließlich auch, frei zu sein, sich ausdrücken zu können, sich zu definieren und ja – bestimmen zu können, wer man sein möchte.


Dass die Ralph-Lauren-Kollektion sich allein auf die Jahre vor 1964 bezieht, wirkt daher geschichtsvergessen. Denn auch der schwarze amerikanische Traum hat sich weiterentwickelt. Vor allem im Süden des Landes konnte man die schwarzen Arbeiter spätestens vom Ende der Sechzigerjahre an nicht für die Bürgerrechtsbewegung gewinnen, wenn man nicht auch Denim und lässige Chambray-Shirts trug – einer der (wie Jules schreibt) vergessenen Gründe, weshalb Jeans in den Siebzigern stilgebend werden sollten.


In den Achtzigern kehrte der Kult um die Preppys schließlich zurück (es erschien das berühmte „Official Preppy Handbook“, das den Stil der weißen Elite satirisch vorführte und gleichzeitig zugänglich machte); in den Nullerjahren erlebte das Poloshirt einen eigenen Moment als Kleidungsstück zwischen Preppy-Style und Streetwear. Es ist dann der Streetstyle – Hoodies und Sneakers –, der heute noch stark die Vorstellungen vom schwarzen Amerika beherrscht.


Dabei müsste man allein einen jungen Mann namens Tyler the Creator kennen. Der kalifornische Rapper trägt meist Cardigans, Loafer mit weißen Socken, kurze Hosen und Blazer. Sein Markenzeichen: eine Ushanka (eine mit Pelz gefütterte Mütze, die man über dem Kopf hochbindet). Ein Modekritiker sagte kürzlich, er sei sich sicher, dass Tyler sich bald vollends in eine Figur aus einem Wes-Anderson-Film verwandeln werde. Und ja, Tyler mag wie Anderson Parfums, Koffer, Seidenschals. „Wenn Leute zu mir kamen und meinten: Oh, das ist so ein Scheiß, den Weiße gut finden, mach das mal nicht. Dann meinte ich: Nein, du machst das nicht. Sag mir nicht, wie ich zu sein habe, weil du dir deine Vorstellung davon gemacht hast, wie Schwarze zu sein haben“, sagte er in einem Interview.


Denn Tyler hat seine ganz eigenen Vorstellungen: Früher war er Teil von Odd Future, einer hippen Skate-Rapper-Clique in Los Angeles, schnell wurde er zum Aushängeschild für das Streetstyle-Label Supreme, designte Schuhe mit Vans. Vor gut zehn Jahren gründete er dann sein eigenes Label, Golf Wang: halbhohe Sportsocken, bunte Polos. Vor wenigen Monaten eröffnete er schließlich eine kleine Boutique an der amerikanischen Westküste auf einem Hügel in Malibu: Golf Le Fleur.


In einem Video führt er durch den Laden. Er trägt Loafer und einen Kaschmirpullunder in pastellfarbenem Leopardenmuster, darunter ein weißes T-Shirt. Er liebe alle Pastellfarben, sagt er, besonders Lindgrün oder helles Orange. Denn das sind Farben, die zu Braun passen — und alles, was er entwirft, müsse zu Braun passen. Er meint damit wohl nicht die Farbe von Tweed.

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