Harry Styles: Ein Mann des Westens

Spitzenkragen und natürlich Nagellack: Was bedeutet es, wenn heute ein Mann Kleider trägt wie der britische Popstar Harry Styles?


Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 29. November 2020


Er trug ein Kleid. Eigentlich konnte man das Kleid nicht so genau erkennen, er trug offenbar etwas pastellfarben Gerafftes. Kauft man die amerikanische „Vogue“, auf deren Cover er es trägt, und schlägt sie auf, dann schlägt es ein: Ja, Harry Styles trägt ein gerüschtes Gucci-Abendkleid unter seinem schwarzen, glänzenden Gucci-Smoking-Blazer und pustet einen hellblauen Luftballon auf.


Im Jahr 2020 trägt der 26 Jahre alte, hübsche Popstar also ein Kleidungsstück, das eigentlich, so wie das Modemagazin, für das er es trägt, vor allem für Frauen gedacht ist. Und weil er der Erste ist, der es tut, sorgt er für einen Skandal und für Umsatz: Was ein bisschen dekadent, ästhetisch motiviert und nicht heteronormativ ist, verkauft sich am Kioskstand und in den sozialen Medien. Man fühlt sich direkt in eine Zeit versetzt, in der gedruckter Boulevard noch einen bewegenden Stellenwert hatte.


Dass vermeintlich Skandalöse ist natürlich nur deshalb skandalös, weil es dazu gemacht wird – wie von der rechten Aktivistin Candace Owens, die gleich drauflostwitterte: „Dass im Westen die stetige Feminisierung unserer Männer zur gleichen Zeit stattfindet, in der unseren Kindern der Marxismus beigebracht wird, ist kein Zufall. Wir brauchen wieder männliche Männer!“ Gefestigte Männer, befindet sie, trügen keine Abendkleider.


Ja, die Männer im Westen, die sind nun offenbar sensibler geworden: „Verletzlich“, wenn sie über Gefühle reden; „verweichlicht“, wenn sie ihre Arbeit anstatt nach der Anerkennung anderer Männer nach Zeit mit der Familie ausrichten; „unmännlich“, wenn sie nicht täglich Anzüge wie die „Mad Men“ tragen, sondern das, worin sie sich wohlfühlen. Das kann selbstverständlich ein Maßanzug aus italienischem Flanell sein oder eine Jeans oder, ja, vielleicht auch ein Kleid mit Rüschen.


Das findet allen voran auch der britische Popsänger Harry Styles, groß geworden in der Boygroup One Direction, seine allseits gefeierte zweite Soloplatte, „Fine Line“, erschien vor genau einem Jahr. „Wenn ich ein schönes Hemd sehe“, erklärte er fröhlich dem „Guardian“, „und mir gesagt wird: Aber das ist für Damen! Dann denke ich: Okay? Das bringt mich aber doch nicht dazu, es weniger tragen zu wollen. Ich glaube, in dem Moment, in dem man sich in der eigenen Haut wohlfühlt, wird alles viel einfacher.“


Für Harry bedeutet das Sichwohlfühlen, durchsichtige Blusen und vermeereske Perle am Ohr auf der berühmten Met Gala tragen zu können, einen kanariengelben Marc-Jacobs-Hosenanzug (kleidete zuvor Lady Gaga) bei den Brit Awards, Anne-Boleyn-Kette über Zopfmusterpullis mit Spitzenkragen und natürlich Nagellack an stark beringten Fingern.

Es ist ein androgyner, vermeintlich moderner Look, den Styles verkörpert.


Seine Fans lieben ihn dafür, von der Modewelt wird er deswegen gefeiert. Er verwische geschlechtliche Ikonographien, traue sich damit viel mehr als andere junge (männliche) Popstars, schaffe ein Vorbild für den „sensiblen“ Mann, der so gefestigt in sich selbst ist, dass er sogar Frauenkleidung tragen kann. Und als mit Alessandro Michele als neuer Gucci-Kreativchef das Faible für Siebziger-Jahre-Mode und Cross-Dressing in das italienische Modehaus einzog, vereidigte man Styles umgehend als Botschafter der Marke. Nach drei Jahren in dieser Rolle beglaubigte ihn Anna Wintour nun mit dem neuen „Vogue“-Cover.


Zwischen E-Boy auf Tiktok und Dragqueen


Da ihm dafür aber eben auch viel Häme entgegenschlug, sprang ihm Alexandria Ocasio-Cortez höchstpersönlich zur Seite: „Vielleicht provoziert es bei einigen Menschen eine gewisse Wut oder Unsicherheit in Bezug auf Männlichkeit/Weiblichkeit/etc.“, schrieb die amerikanische Politikerin auf Instagram. „Wenn das der Fall ist, dann ist das vielleicht ein Teil des Problems.“ Sie riet, sich mit der eigenen Reaktion auseinanderzusetzen und zu fragen, warum man diese eigentlich habe. Et cetera.


Warum also der Popmusiker im Kleid solche Reaktionen, gar politische Ressentiments hervorruft, ist auf den ersten Blick leicht nachvollziehbar. Styles’ Inszenierung reiht sich irgendwo in das Spektrum zeitgenössischer Infragestellung von Männlichkeit zwischen E-Boys auf Tiktok und der beliebten Dragqueen-Show „RuPaul’s Drag Race“ ein. Nur stellen nicht alle „Phänomene“ auf diesem Spektrum konservative Männlichkeitsideale gleich stark infrage: Denn vieles, was politisch anmutet, ist eigentlich nur ein Spiel mit ästhetischen Konventionen.


Und Harrys Style, seine feminine Männlichkeit, gehört zu Letzterer. Wenn Styles ein Kleid trägt, ist das keineswegs transgressiv, nein, es fordert nicht einmal irgendeine Form von westlicher Männlichkeit ästhetisch neu heraus. Im Gegenteil: Wenn er sich nackt wie Prince in seinem Plattencover räkelt, leuchtende Marlenehosen wie David Bowie trägt oder – die wegen der physischen Ähnlichkeit augenscheinlichste Inspiration für seine Inszenierung – kokett den Pony ins Gesicht fallen lässt wie Mick Jagger, dann wird dadurch vielmehr deutlich: Das masculin-féminin-Spiel wurde vor Styles von anderen schon sehr viel konsequenter gespielt.


Die Rockstars der Siebziger und später (damals, als Kindern noch Marxismus beigebracht wurde) waren dabei zwar auch Ausdruck einer sich verändernden Gesellschaft, Ikonen der sexuellen Revolution. Vor allem aber konnten sie sich eine Exzentrik leisten, die heute doch eigentlich keine mehr sein sollte. Letztlich waren sie dabei (deswegen!) immer noch erfolgreiche Künstler, Männer, so mächtig, dass sie sich im Gegensatz zu anderen Männern dieser Zeit aussuchen konnten, wann und wo sie welche feminine Formen ihrer selbst ausleben wollten. Oder eben auch maskuline, wenn einige von ihnen, Millionäre, Strippen zogen, weil sie es konnten, oder auch mit Minderjährigen Sex hatten, wenn sie es wollten, ohne dafür belangt zu werden.


Wenn Styles ein Kleid trägt, ist das nicht unbedingt transgressiv


Da sich Styles’ Stil hier einsortiert, ist fraglich, warum gerade daran eine „neue“ oder gar „sensible“ Männlichkeit festgemacht werden soll – denn er verkörpert vielmehr eine, die vielleicht einfach nur unkonventionell oder schön sein will, schließlich aber doch vor allem Ausdruck von Privileg ist. Eine neue Männlichkeit könnte man in Styles’ unvoreingenommener, selbstironisch erscheinender Persönlichkeit suchen. Aber auch das allein macht ihn noch lange nicht zu einer Ikone.


„Ich finde, es ist eine sehr freie und befreiende Zeit“, sagt Styles. Aber ist das so, wenn solch ein Cover offensichtlich noch transgressiv wirkt und daher solche Reaktionen hervorruft? Es verweist doch eigentlich darauf, dass sich in Sachen Kleidung nur etwas für Frauen verändert hat, die Hosen und Anzüge tragen können, ohne infrage gestellt zu werden.


Denn was für Rockstars ein ästhetisches Spiel war, um nicht konventionell zu wirken, war für sehr viele andere, Männer, die nicht konventionell lebten, doch sehr politisch. „Tunte“, das war eine Selbstbezeichnung von Schwulen, die später zur Beleidigung wurde, und wer sich damals affektiv feminin kleidete und verhielt, mochte sich vielleicht in einem Damenhemd wohler fühlen. Gewiss machte es für einen Mann, der dies offen tat, aber nichts einfacher. Und das ist heute – leider – nicht anders.


Es ist ein Unterschied, ob ein Harry Styles ein Gucci-Kleid auf dem Cover der amerikanischen „Vogue“ trägt. Oder Harry ein Kleid auf der Straße.

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