Lana Del Rey: Die Außenseiterin

Aktualisiert: Apr 9

Die amerikanische Sängerin Lana Del Rey sucht weiter ihren Ort. Im Pop.

Im Feminismus. In der Gegenwart ihres Landes.


Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung am 4. April 2021


Es begann mit ihren Lippen. Sie schienen zu voll, um echt zu sein, und zogen des-

halb immer wieder den Blick auf sich. „It’s you, it’s you, it’s all for you“, sang Elizabeth Woolridge Grant alias Lana Del Rey damals in ihrem selbstgedrehten Musikvideo, immerzu sich selbst beobachtend, anstatt in die Kamera zu blicken. Wer war diese junge Frau mit dem Schmollmund und dem dunklen, toupierten Schopf, die mit ihrem melancholischen Gesang wie aus der Zeit gefallen auf den Bildschirmen auftauchte?


Zehn Jahre ist es her, dass die Popsängerin diese „Video Games“ mit einem spielte. Ihre tiefe, verhangene Stimme, die eingängige Melodie, die Collage einer vergangenen amerikanischen Ästhetik – das alles brachte ihr über Nacht Ruhm und einen Plattenvertrag ein. Und eine Kontroverse darüber, wie „echt“ dieser Shootingstar sei. Denn schnell kam ans Licht, dass sie schon zuvor einmal unter dem Namen Lizzy Grant (mit platinblondem Haar und schmalen Lippen) versucht hatte, eine erfolgreiche Sängerin zu sein. Sie sei eine „phony“, hieß es jetzt, eine Heuchlerin, die es nur mit Hilfe ihres Vaters geschafft habe.


Die Frage nach der Echtheit ihrer Lippen ist mittlerweile passé (nachdem Lana Del Rey immer wieder betont hatte, dass sie nicht künstlich seien, wurden sie über die Zeit immer schmaler), genauso wie die langweilige Frage nach der Authentizität von Popstars. Die Kontroverse um ihre Persona wurde jedoch über die letzten zehn Jahre hinweg verlässlich immer wieder aufgebrüht.


Wirft man einen Blick allein auf die Songtitel des neuen, nun siebten Albums von Lana Del Rey, „Chemtrails Over The Country Club“, welches sie wieder mit Jack Antonoff und Rick Nowels produziert hat, dann könnte man, ohne auch nur einen Ton gehört zu haben, erahnen, warum das so ist: „White Dress“, „Tulsa Jesus Freak“, „Let Me Love You Like A Woman“ liest man und denkt: Traditionelle Ehe, Fundamentalisten, Mittlerer Westen, dann auch noch Umweltverschmutzung und Eliten – nicht gerade die Themen, auf die man Lust hat, nachdem Donald Trump endlich den Posten als amerikanischer Präsident geräumt hat.


Del Rey schien genau das jedoch stets zu gefallen: ein Bild von Amerika und seiner Bevölkerung zu zeigen, das polarisiert. Da gab es die vielen kontroversen Lieder, in denen meist ein junges, lyrisches Ich von ihren Beziehungen mit sehr viel älteren Männern erzählte, die entweder wie sie als Gesetzlose durch die Staaten streiften; oder solchen, die ihr versprachen, Wege zu Erfolg oder Ruhm eröffnen zu können. Quid pro quo, versteht sich. Dass sie vor ihrem Durchbruch sieben Jahre lang mit einem Produzenten zusammen war, der sie nie unter Vertrag nahm und den sie stets eine ihrer „großen Lieben und Musen“ nannte, tat ein Übriges; Affären mit ihrem Musiklehrer und Philosophieprofessor wurden ihr dann auch noch nachgesagt.


Dass die Zeile „Ah, he’s in the sky with diamonds“ aus dem Lied „Cola“ von 2012 früher einmal „Harvey’s in the sky with diamonds“ hieß, war dann aber noch mal eine andere Sache. Ja, sie habe an einen Mann wie Harvey Weinstein gedacht, als sie diese Zeilen schrieb, einen Mann, von dem jede wusste, was er tat, erklärte sie fünf Jahre später, als der männliche Machtmissbrauch in der Unterhaltungsbranche durch #MeToo angeklagt wurde. Sie singt den Song bis heute nicht mehr.


Andere Machtungleichheiten inszenierte Del Rey jedoch subversiver, wie in „National Anthem“, einem Lied, mit dem sie die Lust des Landes an seinem den Weißen vorbehaltenen Reichtum besingt – und fürs Musikvideo den Rapper A$AP Rocky als schwarzen John F. Kennedy castete. Sie ist dabei gleich beides: seine Jackie O. und seine Marilyn Monroe, der man eine Affäre mit dem Präsidenten nachsagt. Lana Del Rey gefällt sich sichtlich darin, aus Zeit und Rahmen zu fallen, denn auf die Frage hin, ob Amerikaner Stil besäßen, antwortet sie gern lächelnd: „Früher einmal.“


Ihre Skepsis gegenüber der Gegenwart brachte sie letztes Jahr dazu, „Fragen an die Kultur“ zu stellen: nämlich, ob es im heutigen Feminismus Platz für Frauen wie sie gebe. Frauen also, die über Liebe singen, die vielleicht nicht gut für sie sei, in der es Abhängigkeiten gebe. Beziehungen also, die nicht erstrebenswert sind, aber doch der Realität sehr vieler Frauen entsprechen würden. Ihre eigene eingeschlossen.


Problematisch war, dass Del Rey sich dazu hatte hinreißen lassen, ein paar Namen von Popstars zu nennen, die das vermeintliche Gegenteil zu ihrer Musik darstellen. Unter anderen Doja Cat, Cardi B und Nicki Minaj, Sängerinnen also, die People of Colour sind. Dass die Erfahrung schwarzer Frauen eine ganz andere ist und dass man sich eine Nostalgie wie die Lana Del Reys auf Grund der Hautfarbe erst einmal leisten können muss (wenn sie einem nicht ohnehin egal ist), hätte sie mitdenken können. Auch, dass eine Kritik an Hypersexualisierung genauso legitim ist wie an der Realität, die Del Rey darzustellen versucht.


Die Frage, die sie an die genannten Künstlerinnen stellte, zeigt dabei doch vor allem, dass es ihr stets schwerfiel, ihren ästhetischen Anspruch mit dem politischen Anspruch des Feminismus zu vereinbaren. „Für mich ist die Frage des Feminismus einfach kein interessantes Konzept“, sagte sie 2014 einmal, darauf angesprochen. Das war allerdings in einer Zeit, in der Feminismus noch keine Vermarktung für den Mainstream durchlebt und also keinen so breiten gesellschaftlichen Rückhalt gefunden hatte wie heute. Sich damals als Feministin zu bezeichnen, das entspricht in etwa der Aussage, sich heute nicht als Feministin zu bezeichnen. Dennoch: Es ist nicht unwichtig, dass Del Reys Ästhetik in der Mannigfaltigkeit ihrer Referenzen selten weiter zurückgeht als bis in die sechziger Jahre. Sie ist somit im wörtlichen Sinne „postfeministisch“ und stellt sich in eine weibliche Tradition, in der es die zweite feministische Welle schon gab.


Auf die Frage, was ihre Definition von Feminismus sei, antwortete sie 2014 vage: „Meine Vorstellung von einer wahren Feministin ist eine Frau, die sich frei genug fühlt, zu tun, was sie will.“ Eine Frau, die sich frei fühlt also, aber es nicht unbedingt ist, weil sie sich schließlich doch der Mittel bedienen muss, die sie erst unfrei gemacht haben. Wenn es Del Rey darum geht, diese Unfreiheiten zu zeigen, warum findet sie dann trotzdem nicht ihren Platz innerhalb der Liga der heutigen Popdiven?


Sie bleibt auffällig zurückhaltend, wenn es um ein Alleinstellungsmerkmal geht. Sie ist keine Beyoncé, die für Gleichberechtigung von Schwarzen Frauen kämpft, keine Lady Gaga, die sich für die queere Szene engagiert, keine Lizzo, die mit ihrem Übergewicht weibliche Körperbilder in Frage stellt, nicht einmal eine Taylor Swift, die als All-American Girl zumindest an einem gewissen Punkt in ihrer Karriere politisch Stellung bezog. Lana Del Rey tut nichts dergleichen. Anstatt ein popfeministisches Pamphlet zu formulieren, veröffentlichte sie letzten Herbst lieber einen Band mit Gedichten.


„Violet Bent Backwards Over The Grass“ erinnert an ihre Musikvideos: Prints von mit Schreibmaschine getippten Gedichten, teils mit mitgedruckten handschriftlichen Noti-zen, mit Flecken, Tränen oder Fingerabdrücken, so dass man immer wieder über die perfekten glatten Seiten streicht, um dann zu merken, dass die Patina nicht von der Leserin, sondern von der Poetin stammt. Diesmal blickt Del Rey einen vom Buchrücken des Umschlags an: ein Selfie im Sonnenlicht, glattes, helles Haar, unbearbeitet. Dass sie gleich zu Beginn einen sehr naheliegenden Vers auf Sylvia Plath reimen muss, wirkt fast selbstironisch:


„Stay on your path Sylvia Plath / don’t fall away like all the others“, „bare feet on linoleum / Bored – but not unhappy / Cutting vegetables over boiling water that I will later turn / into stew“.


Die Referenzen zu den Americana aus Film und Literatur und natürlich Musik hat Lana Del Rey auch hier wieder eingestreut. In ihren Gedichten beugt sie sich einmal rückwärts über den Kontinent, von Küstenstadt zu Küstenstadt, über den Mittleren Westen und den Süden, ihre eigenen Fotografien dazwischen gelegt, die menschenleere Orte dieses verklärten Kontinents zeigen. Sie begreift sich hier weniger als Lana im Sinne von Turner, sondern als Del Rey: ein Stadtteil in Los Angeles voller junger Leute, vor allem Latinos, den sie als geborene New Yorkerin so sehr liebt. Weibliche Biographie erfasst sie in ihren Gedichten als amerikanische Geographie. „Es ist, als würdest du dich von L.A. verabschieden und nun über die ganzen neuen Orte sprechen, Fähnchen setzen und kleine emotionale Häuser in anderen Teilen Amerikas bauen“, bescheinigte Jack Antonoff ihr in einem Gespräch für das Magazin „Interview“.


Also nun Oklahoma statt Kalifornien? Country anstatt Pop? „Chemtrails Over The Country Club“ geht Hand in Hand mit diesem Gedichtband. Eine musikalische Kehrtwende ist das Album daher nicht, es ist eine weniger pathetische Fortsetzung ihres Œuvres. Sie covert Joni Mitchell und singt ein Duett mit der Countrysängerin Nikki Lane. Die Lieder handeln von ihrem einstigen weißen Kellnerinnenkleid, von Kameradinnenschaft und davon, wie sehr Religion und Alkoholsucht einander ähneln können. Es handelt auch wieder von Verliebtsein, aber auch davon, zu akzeptieren, wenn es vorbei ist.


Und es ist ein Album, auf dem Männer keine zentrale Rolle mehr einnehmen. Auf dem Cover lacht sie. Und es ist das erste, auf dem sie umringt ist von Frauen. „We keep changing all the time“, singt sie, „the best ones lost their minds, So I’m not gonna change, I’ll stay the same.“


Und vielleicht findet sie genau darin ihren Platz.

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