Sachbuch: Caroline Criado-Perez’ „Unsichtbare Frauen“

In ihrem Sachbuch zeigt die britische Journalistin Caroline Criado-Perez, wie Frauen in einer von Daten beherrschten Welt systematisch ausgeklammert werden. Ihre Kritik ist wichtig - wird aber ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht.


Erschienen am 8. März 2020 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung


"Warum kann eine Frau nicht mehr so sein wie ein Mann?“, beschwert sich Henry Higgins im Musical „My Fair Lady“ von 1956. Er soll die Blumenverkäuferin Eliza Doolittle zu einer Dame ausbilden und kommandiert sie dabei herum, bis sie sich wehrt – was ihn zu dieser Frage veranlasst: Ja, warum kann sie eigentlich nicht mehr sein wie er, „eternally noble and historically fair“?


Diese Szene nimmt die britische Journalistin Caroline Criado-Perez in ihrem Buch „Unsichtbare Frauen – Wie eine von Daten beherrschte Welt dieHälfte der Bevölkerung ignoriert“ zum Anlass, um einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Missstand zu benennen: der „Henry-Higgins-Effekt“ tritt für sie dann ein, wenn Frauen sich an eine Welt anpassen sollen, die ganz und gar auf Männer ausgerichtet ist. In sechs Teilen arbeitet sich Criado-Perez durch diese männliche Welt und beweist, wie Frauen im Alltagsleben, in der Arbeitskultur, im Design, in der Medizin, im öffentlich-politischen Leben und bei Katastrophen systematisch ausgeklammert werden.


Die Geschichte der Frauen, schreibt sie, ist „eine Geschichte der Abwesenheit“. Denn in nahezu allen Bereichen der Forschung gibt es „Leerstelle(n) in wissenschaftlichen Daten“ – entweder wurden Daten über das weibliche Geschlecht nie erhoben, oder es wurde nicht nach Geschlecht unterschieden. Diese Datenlücken sind so groß, dass sie historisch nicht zu schließen sind. Schlimmer jedoch ist, und das betont Criado-Perez, dass das jetzige wie zukünftige menschliche Zusammenleben von Daten beherrscht wird. Wenn sich aber zukünftige Algorithmen aus Big Data speisen, die vor allem auf Daten über Männer basierten, wie sollen diese Algorithmen dann für die andere Hälfte der Menschheit nützlich sein?


Von dieser beunruhigenden Annahme ausgehend, zeichnet Criado-Perez mit Studien, Artikeln, Berichten in 1331 Fußnoten eindrücklich die bisherigen Folgen der Leerstellen nach. Da geht es zunächst um bekannte Streitthemen wie Sprache und Repräsentation: Frauen werden nicht abgebildet und folglich auch nicht mitgedacht. (Dass die Übersetzerin selbst nur sehr inkonsequent die weibliche oder beide Formen benutzt, ist vor diesem Hintergrund natürlich besonders schade.) Frauen fehlen zudem, das ist bekannt, im Kanon der Kunst, im Fernsehen, in den Medien. Auch in Schul- und Studienbüchern sind Frauen wenig zu finden, genauso wenig wie auf Geldscheinen und Denkmälern. In den folgenden Kapiteln zeigt Criado-Perez, dass sich dieses Fehlen überall sichtbar machen lässt.


Beispielsweise, wenn es darum geht, dass Medikamente bei Frauen anders oder sogar gar nicht wirken, weil sie nur an männlichen Probanden oder männlichen Tieren getestet wurden. Manchmal sind die Zahlen erschreckend: Sie zeigen, dass Menschen, die in der Krankenpflege arbeiten (größtenteils Frauen) häufiger gewalttätig attackiert werden als Menschen, die in Haftanstalten und bei der Polizei arbeiten. Oder dass Frauen eine 47 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit haben, bei einem Autounfall schwer verletzt zu werden, weil das Auto für einen durchschnittlichen männlichen Körper entworfen wurde. Manche Beobachtungen wiederum sind banal: dass Virtual-Reality-Brillen nicht funktionieren, wenn man Make-up trägt, oder dass Glasarchitektur für Rockträgerinnen ungeschickt ist. Sie zeigt aber auch, dass unser Blick auf die globale Wirtschaft verzerrt ist, weil für das Bruttoinlandsprodukt (als „vielleicht größte geschlechterbezogene Datenlücke“) die unbezahlte Care-Arbeit von Frauen nicht berechnet wird und hierzu nur geschätzt werden kann, dass sich dieses in einkommensstarken Ländern um fünfzig Prozent steigern würde. Geschätzt, weil es, so die britische Politikerin Diane Coyle, „für die Datenerhebung zu schwierig werden würde“. Weil die Welt vor allem von Männern gestaltet wurde, werden die Bedürfnisse der Frauen ausgeblendet.


Das ist, so bewertet es Criado-Perez, teils ignorant und naiv und geschieht, weil es „billiger“ und „einfacher“ erscheint. Es ist vor allem aber zum Nachteil aller, weil es verhindert, unsere Welt innovativer zu gestalten. Dass Criado-Perez diese (fehlenden) Daten auflistet, ist wichtig. Und die Informationen, die sie liefert, sind aufschlussreich. Leider handelt sie die Ergebnisse in ihrer Fülle aber nur knapp ab. Und anstatt sie in allgemeinere Zusammenhänge zu stellen, erzählt sie dazu persönliche Anekdoten oder kommentiert sie zynisch. Auch ist problematisch, dass sie die Entstehungsumstände der vielen Studien nicht ausreichend erläutert. Schließlich sind diese nicht unerheblich, um über ihre Aussagekraft entscheiden zu können (wenigstens in den Fußnoten wäre das hilfreich gewesen).


Immer wieder kritisiert Criado-Perez zu Recht einen männlichen Universalitätsanspruch. Allerdings zieht sie daraus selbst keine Konsequenz für ihre Vorgehensweise, wenn sie immer wieder von „den Frauen“ spricht. Sie erwähnt zwar vereinzelt Hautfarbe und Status, Intersektionalität aber klammert sie weitgehend aus: also inwieweit Menschen nicht nur aufgrund ihres Geschlechts, sondern auch aufgrund ihrer sozialen Klasse, ethnischen oder religiösen Herkunft, sexuellen Orientierung oder körperlichen Einschränkungen benachteiligt oder nicht beachtet werden.


Auch bleibt die Männlichkeitsforschung unerwähnt, die versucht, Männer nicht als universell anzusehen. Das wäre erwähnenswert gewesen, denn so verkürzt ihr Buch auch weibliche Realitäten. Deutlich wird diese Verkürzung beispielsweise, wenn sie Firmen lobt, die angestellten Frauen Putzkräfte und Babysitter zahlen, um den Frauen die Karriere zu ermöglichen. Eine Angestellte passt sich in diesem Szenario doch wieder einer männlichen Welt an – nur dass zu Hause eben nicht sie selbst unbezahlt den Haushalt verwaltet, sondern wahrscheinlich eine schlechter bezahlte Frau, deren Haushalt wiederum ein Familienmitglied unbezahlt führt.


Wenn sie an anderer Stelle schreibt: „Es tut mir leid, dass das weibliche Geschlecht so geheimnisvoll ist, aber wir können eben nicht wie Männer sein“, dann stimmt das so nicht. Enttäuschend ist, dass sie schließlich nur kurz ausführt, wie sich die Gender Data Gap nun auf Big Data und Algorithmen auswirkt: nämlich in der Arbeitswelt (Zitierweisen in der Wissenschaft bevorzugen männliche Autoren) und im Design (Sprachassistenz reagiert besser auf tiefe Stimmen; Textkorpora für Übersetzungsprogramme sind männlich dominiert). Sie stellt darüber hinaus keine weiterführenden Überlegungen an, die interessant gewesen wären – nicht nur, um ihrem einleitenden Dringlichkeitsanspruch gerecht zu werden.


Caroline Criado-Perez: „Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert“. Aus dem Englischen von Stephanie Singh.

btb Verlag, 496 Seiten, 15 Euro

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