Slack: Rebellion als Programm

Auf firmeninternen Chat-Diensten wie „Slack“ formiert sich der Protest von unten.


Erschienen am 26. Juli 2020 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung


Nichts ist wohl mehr sicher. Statuen werden abgebaut, Straßen umbenannt, alte Machtstrukturen, so beobachten es einige besorgt, werden einfach gecancelt. Klar ist: Mächtig ist die Rautetaste und mächtig, wer sie zu nutzen weiß. Und wer den digitalen

Raum einnimmt, kann nicht selten auch den öffentlichen, den physischen Raum

bestimmen.


Dass das vor allem für Twitter funktioniert, ist nichts Neues. Was aber, wenn der digitale Newsroom, der über soziale Bewegungen und ihre Hashtags berichtet, selbst zum Ort des Widerstands wird? Und ausgerechnet der Messaging-Dienst, den Medienhäuser ihren Mitarbeitenden zur Verfügung stellen, um einfacher und effektiver arbeiten zu können,

zum Instrument der Revolte gegen dieses selbst wird?


In den Berichten über die heiße Debatte um einen angeblichen Kulturkampf bei der „New York Times“ ging es zuletzt auch immer wieder um die Rolle der Software, die die Redaktion, wie viele Unternehmen, für die interne Kommunikation benutzt: Im „Slack“-Channel „Newsroom Feedback“ äußerte sich die Kritik in einem Gastbeitrag des

republikanischen Senators Tom Cotton. Und fand Widerhall bei den etwa zwei-

tausend Personen, die hier Blattkritik üben dürfen.


Und spätestens seit der Kündigung der prominenten Kolumnistin Bari Weiss in der vergangenen Woche gilt „Slack“ nicht nur als Mittel der Mitarbeitermobilisierung, sondern auch als brutales Mobbing-Tool. Weshalb sich auch die Frage stellt, ob es wirklich die

unheimliche Macht der progressiven Kräfte innerhalb der Zeitung war, die in

diesen Fällen sichtbar wurde; oder nur der Effekt einer neuen Kommunikations-

form, welche die interne Empörung, ähnlich wie es Twitter für eine größere Öffentlichkeit tut, wie eine Naturgewalt erscheinen lässt.


„Slack“ gilt (mehr noch als sein Microsoft-Konkurrent „Teams“) mittlerweile als Ausdruck des modernen Arbeitslebens und ist längst ein Standardmedium geworden. Der Kanadier Stewart Butterfield entwickelte die App vor sieben Jahren ursprünglich nur nebenbei, um die

Arbeit für sein Team am Online-Spiel „Glitch“ zu erleichtern. Die Software ersetzte schnell ewige E-Mail-Korrespondenzen. Aus „Schreib’s mir“ wurde „Slack’s mir“.


Die einzelnen Channels, also Kommunikationskanäle, laufen über Hashtags und machen es dadurch leicht, die eigenen Nachrichten zu dirigieren und mehr Personen an Diskussionen teilhaben zu lassen als unübersichtliche E-Mail-Verläufe. Alles, was es auf sozialen Plattformen gibt, gibt es auch hier: Emojis, Gifs, Reaktionen. Slack macht damit einen wichtigen Aspekt des Arbeitslebens digital: den Flurfunk.


Durch die Coronavirus-Pandemie ist Slack noch bedeutender geworden. Denn wenn von zu Hause effektiv gearbeitet werden soll – oder muss –, dann muss zumindest die kommunikative Infrastruktur reibungslos laufen. Innerhalb der wenigen Wochen im Frühjahr stieg die Zahl täglicher Nutzender von zehn auf zwölfeinhalb Millionen. Das Virus

hat die digitale Arbeitswelt bereits verändert, und „Slack“ nimmt eine zentrale

Rolle ein. Akut arbeiten etwa 750 000 Unternehmen mit dem Messaging-

Dienst.


Keine Plattform ist jedoch mehr unpolitisch. 2015 nutzen eine ganze Reihe von amerikanischen Redaktionen die App, um Gewerkschaften zu gründen, dar-

unter die „Huffington Post“ und das „New York Magazine“. Es dauerte nicht lange, bis „Slack“ in der Kritik stand: Arbeitnehmende in den Vereinigten Staaten, die den Messenger-Dienst dafür genutzt hatten, um sich über ihre Arbeitgeber auszutauschen und Allianzen aufzubauen, aber auch politisch aktive Gruppen, die sich gezielt über „Slack“ organi-

siert hatten – beispielsweise die Organisatorinnen des „Women’s March“ –, hatten angenommen, dies in einem geschützten Raum zu tun. Was sie nicht wussten: Der Dienst stellte Chatverläufe und Daten den Unternehmen oder sogar dem Staat zur Verfügung. Mittlerweile verschlüsselt „Slack“ Nachrichten zwar, allerdings nicht durchgängig. Wie genau

Daten gespeichert werden, entscheiden die Unternehmen selbst.


Ist „Slack“ nun nicht nur aus technologischer Sicht Ausdruck modernen Ar-

beitslebens? Sondern auch Ausdruck moderner Hierarchien und einer weniger hegemonialen Machtverteilung, einer „Bottoms Up“-Kultur, wie es der amerikani-

sche Journalist Thomas Friedman (der auch lange für die „New York Times“ ar-

beitet) schon 2002 nannte? In einer Welt, die so „hypervernetzt“ sei wie heute, schrieb Friedman, könnten „super-empowered individuals“, also selbstermächtigte Individuen, den technologischen Fortschritt nutzen, um Netzwerke zu kreieren und ihren Einfluss zu stärken – zum Guten wie zum Schlechten.


Bei der „New York Times“ hat „Slack“ das Betriebsklima eher vergiftet. Das jedenfalls glaubt die ehemalige Chefredakteurin Jill Abramson, die in der „New York Post“ die neuen Kommunikationskanäle als „bösartig“ bezeichnete. Schon seit über einem Jahr höre sie von ehemaligen Kolleginnen von „überhitzten Äußerungen“ auf „Slack“. Ein anderer Mitarbeiter der „New York Times“ sagte der „Post“: „Es begann als Ort für Journalismus und verkam zu einem Ort für Wut.“ Die Verantwortlichen läsen mit und täten nichts dagegen.


„Slack“ sollte die Kommunikation einfacher machen. Stattdessen vernebelt es, was valide Kritik an der Arbeit im Unternehmen ist und wo sich schlichtweg auf-

gespielt wird. Das ist problematisch für beide Seiten. Für diejenigen, die kritisie-

ren: Wo einen Punkt machen? Und für diejenigen, die kritisiert werden: Wo an-

setzen?


Was Friedman andeutete und was auch bei den Vorfällen bei der „New York Times“ deutlich wird, ist, dass dabei auch die Verhältnismäßigkeit leicht auf der Strecke bleibt. Wenn Menschen dafür sorgen können, dass Mächtige, die in ihren Augen vom kapitalistischen und

patriarchalen System profitiert haben, ihre Position verlieren, dann tun sie es womöglich schon aus diesem Grund: weil sie es können. Und nutzen damit ihre kollektive Macht paradoxerweise genauso, wie es über Jahrhunderte diejenigen taten, denen man sie entziehen will.


Die Fälle bei der „New York Times“ zeigen aber auch, welche anderen Wege es geben könnte, zeitgemäß zu kommunizieren. Chefredakteur Dean Baquet schrieb in den „Slack“-Channel: „Ich glaube auch, dass einige der Punkte, die in diesem Kanal angesprochen werden, auf Dinge hinweisen, die die Nachrichtenseite besser machen können. Ich lese und lerne. Und danke Ihnen.“ Vielleicht sollte dort angesetzt werden: möglichst früh und möglichst transparent im Dialog zu stehen. „Slack“ bietet hierfür zumindest eine Technologie, die das leisten könnte.

© 2020 CAROLINE JEBENS