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Porträt Frauke Finsterwalder: Schützin ohne Graben

„Sisi & Ich“ ist der erste Film von Frauke Finsterwalder seit zehn Jahren. Es geht um Freundschaft, Macht – und unausgeglichene Dynamiken. Eine Begegnung mit der Regisseurin in Zürich.


Erschienen am 03.04.2013 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.


Treffen in einer Zürcher Gasse vor einem Hotel. Frauke Finsterwalder läuft ein paar Meter das glänzende Kopfsteinpflaster zum Lindenhof hoch. Sie legt ihre etwas abgewetzte schwarze Vintage-Hermès-Tasche auf die nasse Steinbank vor dem Brunnen und lehnt ihren Schirm daran. Die Sonne durchwirkt für einen Moment die Wolken, die sich gleich wieder ergießen werden. Von hier oben blickt man auf die Limmat – und die Statue der heldenhaften Zürcherin blickt auf einen hinab.


Sie möchte, dass nur ein paar Bilder gemacht werden, dann will sie lieber allein reden, spazierend durch Zürich. Ihr hellblondes Haar trägt sie streng gescheitelt, das scharlachrote Ensemble leuchtet unter ihrem steingrauen Mantel und zwischen Bäumen, die noch kein Laub tragen.


Finsterwalder, gebürtig aus Hamburg, kennt Zürich gut. Ihr Mann, der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht, und sie haben hier gelebt. Sie habe auch noch eine Wohnung hier, erzählt sie, mit der Hotelbesitzerin in der Gasse ist sie gut befreundet. Mittlerweile lebt die Siebenundvierzigjährige mit Mann und Tochter in Schottland.

Tags zuvor hat sie „Sisi & Ich“ gezeigt, ihren zweiten Film, der bei der Berlinale vor einem Monat Premiere gefeiert hatte. In den nächsten Tagen wird sie weiterfahren, erst nach München, dann nach Wien zu weiteren Vorführungen.


Sie zündet sich eine Parisienne-Zigarette an. Eigentlich habe sie aufgehört, sagt sie, aber am Set hätten die Frauen alle so viel geraucht, da habe sie wieder angefangen. Noch vor der ersten Frage möchte sie etwas sagen.


Gestern sei sie von einem Fernsehteam interviewt worden. „Ein Tonmann hat mich dabei mehrfach begrapscht. Ich hätte aufstehen und gehen sollen.“ Sie ärgert sich, ist ruhig, aber aufgewühlt. Wie so oft in solchen Situationen, sagt sie, realisiere man erst später, was einem da gerade passiert sei. Nach unserem Gespräch jedenfalls werde sie zur Polizei gehen und es zur Anzeige bringen. „Es ist absurd“, sagt sie, ihr Film thematisiere so etwas schließlich.

Der Film erzählt die Geschichte von Elisabeth von Österreich-Ungarn, die, etwas älter geworden, sich dem Hof zu entziehen sucht; und die der Gräfin Irma Sztáray von Sztára, Hofdame der Kaiserin, die zu ihrer Confidante und dabei zum neuen Spielzeug wird. Aber eigentlich geht es weder um die historische Sisi noch die wirkliche Irma. „Als ich angefangen habe, mich über die historische Frau einzulesen, fand ich sie nicht sonderlich interessant. Ich bin dann auf die Tagebücher der Hofdame gestoßen und habe mir das als Thema genommen.“


„Ich habe keine Ambition, historischen Ansprüchen zu genügen, ich mache Fiktion“


Es gehe also um eine unausgeglichene Freundschaft, um Eifersucht und ungesunde Dynamiken; Thema sind „die Machtgefüge und wie Menschen darin verloren gehen“. Und die eine Person, „die das Licht auf einen wirft, und dann diejenige, bei der das Licht ausgeknipst wird“. Licht an, Licht aus – das ist die Metapher, die den Film rahmt, ohne buchstäblich inszeniert zu werden.


Damit findet Finsterwalder zwar ihren eigenen Zugang, dennoch reiht sich der Film in eine Wiederbelebung Sisis ein: In den vergangenen zwei Jahren sind Serien, ein Krimi und ein Roman über die schöne Kaiserin erschienen und auch ein weiterer Kinofilm der Regisseurin Marie Kreutzner. Manche dieser Neuerzählungen erweitern das Kitschbild nur durch etwas mehr Lust, andere versuchen, ein differenziertes Bild der Kaiserin zu zeichnen.


Das alles könnte Finsterwalder nicht weniger interessieren. „Lauter Historiker aus Österreich meldeten sich bei mir, die mich beraten wollten. Da war mir schon klar: Ich habe überhaupt keine Ambition, historischen Ansprüchen zu genügen, ich mache Fiktion. Ich habe niemandem geantwortet und habe dann auch nichts mehr über Sisi gelesen.“


Genau genommen sei es witzig, dass gerade sie sich mit dieser Figur beschäftigte. Wer ihren ersten Film „Finsterworld“ kennt – eine Groteske über das Deutschsein, der vor zehn Jahren erschien –, versteht, was sie meint: Sie interessiert sich für das Absurde, das Abgründige; neben einem ausgewählten Pop-Soundtrack und Kostüm machen Ekel und Brutalität ihre filmische Handschrift aus.


Auch für Sisi suchte sie „das Klima von unterschwelliger oder expliziter Gewalt, das auf allen Ebenen mitschwingt“. Wir biegen links ab über den kleinen Platz, ein paar Regentropfen fallen, die Glocken von St. Paul läuten laut. Bei der gestrigen Vorführung sei eine Psychiaterin zu ihr gekommen, die meinte, Sisi im Film sei eine Borderlinerin. „Ich meinte: Vielleicht eher manisch-depressiv? Aber sie beharrte darauf: Sie erinnere sie an ihre Patienten.“


Ihre Sicht auf die Filme mit Romy Schneider hat sich verändert


Wenn ihre Sisi schon nicht historisch sein mag, spielt sie zumindest gegen den Mythos an, den Ernst Marischka mit Romy Schneider in seinen Filmen aus den Fünfzigern kreiert hat. Finsterwalder hat sie mit ihrer 13 Jahre alten Tochter gesehen. „Ich fand ihn als Teenager ganz schrecklich, wir haben uns darüber lustig gemacht, diese Liebesgeschichte. Man fand sie als Frau peinlich.“ Marischkas Filme sollten das zerstörte Deutschland und seine Menschen amüsieren. Nun aber fand sie die Filme toll. „Die Traurigkeit Romy Schneiders, die ihr Leben später dominierte, liegt schon in diesen Filmen.“


„Sisi & Ich“ hingegen beginnt mit einer krachenden Ohrfeige. Der Film verweigert sich damit von vornherein der zuckrigen Inszenierung der Fünfziger und dekoriert Sisi auch nicht als feministische Koryphäe. Vielmehr zeigt er die Zwänge, denen Frauen ihrer Zeit und Klasse aus­gesetzt waren, und Rebellionen, die sie auszuüben suchten.


Nach einer Pressevorführung meinte ein älterer Journalist dennoch: Das sei ja ein Frauenfilm. Was sie darüber denkt? „Das ist keine Ohrfeige“, korrigiert Finsterwalder. „Das ist ein Faustschlag zwischen Mutter und Tochter, direkt auf die Nase. Und das sagen mir einige: Ein Frauenfilm – toll! Weil man auf Filme wartet, in denen Frauen Dinge tun, die normalerweise Männer tun. Wie der Faustschlag.“ Und: Klar sei es ein Frauenfilm: „Ich bin Drehbuchautorin und Regisseurin und habe zwei weibliche Hauptrollen.“


Es fängt wieder an zu regnen, gegenüber liegt die Sprüngli-Confiserie. Es ist Mittag, voll und laut. Wir setzen uns zwischen einen telefonierenden Geschäftsmann und plaudernde Damen mit weißen Haaren und bestellen Cola mit Eis und Zi­trone. Gestern, erzählt Finsterwalder, habe eine Frau ihr nach der Vorführung gesagt, dass Romy Schneider der Film als Neunzigjährige sicher gefallen hätte. Ob sie das auch so sieht? „Ich kann mir gut vorstellen, dass es ihr besser gefallen hätte als ihre eigene Interpretation.“


Zehn Jahre bis zum zweiten Film


Warum hat es zehn Jahre bis zu ihrem zweiten Film gedauert? „Nach ,Finsterworld‘ hatte ich einen Unfall, das hat mich erst mal rausgerissen. Dadurch war ich auch sehr verunsichert. Und dann hat es Jahre gedauert, das richtige Thema zu finden.“ Wie war es, den zweiten Film zu drehen? „Es geht alles leichter. Weil man weiß, dass es einmal funktioniert hat und dass es ein Publikum gefunden hat. Das wiederum gibt einem Sicherheit.“


Ausgerechnet ihr erster Film, der mit einem kleinen Budget auskam, war schwer zu finanzieren. Für den zweiten, einen Kostümfilm mit vielen Drehorten im Ausland und Tieren am Set, ließ sich die Finanzierung leicht bekommen.


Die auffälligste Parallele zwischen dem Film und ihrem Leben ist vielleicht das Weit­gereiste. Das habe mit ihrem Sternzeichen zu tun, sagt sie halb im Ernst. „Writer, director, sagittarius“ steht in ihrem Profil bei Instagram. Neben Autorin und Regisseurin also Schütze. „Ich habe Freunde, die sich für so was interessieren.“ Sie attestieren ihr, wie sehr sie dem entspreche: Schützen sind stets auf Reisen, immer in Bewegung. Sisi und Irma reisen von Korfu nach Algerien, nach England und in die Schweiz. Mit ihrer Familie lebte Finsterwalder in Argentinien, in Kenia, in den Vereinigten Staaten, in Indien.


Zuvor arbeitete sie als Dokumentarfilmerin in München, wo sie das Fach erlernte, drehte unter anderem einen Film über das irrwitzige Projekt eines Künstlers, der eine Pyramide in Thüringen bauen wollte. Dokumentationen drehen sei aber eine sehr einsame Arbeit gewesen, sagt sie, das wollte sie nicht mehr. Auch am Maxim-Gorki-Theater und an der Volksbühne arbeitete sie. Und in Berlin lernte sie als angehende Journalistin Christian Kracht kennen, als sie ihn auf dem Redaktionsflur nach dem Cola-Automaten fragte.


In einem Interview erzählte sie einmal, dass er als Kind ihren Beruf angestrebt habe und sie seinen. Er habe später Film studiert, sie Literatur und Geschichte. Heute ist Kracht 56 Jahre alt und einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller. Er habe sie vor mehr als zehn Jahren dazu angehalten, mit ihm „Finsterworld“ zu schreiben, erzählt sie. „Er ist kein Drehbuchautor und will das auch nicht sein. Was er will, ist Drehbücher mit mir zu schreiben.“ Einen Film zu machen dauere aber viel länger als das Schreiben. „Bei ,Finsterworld‘ hat Christian es keine zwei Stunden am Set ausgehalten, die vielen Menschen, das ist nicht seins.“


Für den zweiten Film habe sie zuerst allein die Geschichte entwickelt. Diesmal sei er zwar länger da gewesen, es sei aber vor allem ihr Projekt, er nur Teil davon. Ob sie sich vorstellen könne, ohne ihn ein Drehbuch zu schreiben? „Nicht wirklich. Christian und ich pflegen eine Ehrlichkeit gegenüber einander, die nicht verletzend ist. Wir müssen uns nichts beweisen.“ Das mache es einfacher. Allein zu schreiben rate sie aber allgemein niemandem. Sonst drohe man, im eigenen Ego zu versinken.


Bei ihrem ersten Film wurde Finsterwalder oft als „die Ehefrau von Christian Kracht“ beschrieben, eine Schlagzeile titelte: „Kracht als Film“. Ist das nicht auch hinderlich? Oder das, was sie in ihrem jetzigen Film beschreibt: der Scheinwerfer und der Schatten? „Ich lese Kritiken nicht, das habe ich also nicht mitbekommen. Es gab aber vorher die Diskussion darüber, ob wir auf das Plakat schreiben, dass er mitgeschrieben hat.“ Vielmehr habe ihr Mann einige Feinde in der Filmbranche gehabt, sein Name sei da eher hinderlich gewesen. „Aber er hatte ja vorgeschlagen, dass wir ‚Finsterworld‘ zusammen schreiben, und ich wollte es genau aus diesem Grund nicht.“ Es störe sie auch nicht. Sie weiß, dass er das selber nicht will.


„Es stimmt ja: Ich habe den Film nicht alleine gemacht“


Allerdings sei es ihr oft passiert, dass Journalisten ihre Produzenten zu dem Film beglückwünschten. „Dann kamen sie zu mir und fragten: Und wer sind Sie? Und ich meinte, ich bin das Make-up-Girl, was denn sonst!“ Das habe sich jedoch ge­ändert. Es nerve sie zwar, dass sie nicht als Einzelperson Anerkennung findet. „Aber es stimmt ja auch: Ich habe den Film nicht alleine gemacht, sondern mit vielen anderen.“

Warum sie Kritiken nicht liest? „Ich halte mich davon fern, egal, ob sie gut oder schlecht sind. Wenn sie toll sind, dann tut es nicht gut, sie zu lesen, sonst bildet man sich etwas ein.“ Die Filmvorführungen mag sie lieber; dort erfährt sie die Reaktionen des Publikums.


Gibt es einen Teil ihrer Arbeit, der sie verunsichert? „Für mich? Ja, die Vermarktung!“ Sie lacht. „Man ist ein Jahr in dieser großartigen Welt des Films, den man macht. Dann ist es schwer, wieder nach Hause zu kommen, man wundert sich, warum es kein Catering beim Abendessen gibt. Und jetzt mache ich diese Dinge, die mich eher verunsichern, wie dieser Fernsehauftritt.“


Die Damen nebenan zahlen, der Geschäftsmann ist bereits gegangen. Sie findet es bei diesem Film „etwas absurd“, was es für ein Interesse an ihr gebe. Es mag der Sisi-Hype sein, der ihr etwas zugutekommt, ihr Ko-Autor, ihr sehr gelobtes Debüt oder das stärkere Interesse an Regisseurinnen, die Autorenfilme drehen. Vielleicht ist es auch das Thema, ihr Thema der Machtverhältnisse.


Warum beschäftigt sie das so? „Weil ich so was auch erlebt habe. Als ich in Amerika gelebt habe, gab es da eine Künstlerin, die sehr bekannt ist und die sich aus dem Nichts für mich interessiert hat, die mich fast gestalkt hat. Ich war zunächst fasziniert davon, dass sie plötzlich alles mit mir machen will. Ich habe dann irgendwann den Kontakt abgebrochen, komplett. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass man das nicht schafft. Es gibt diese verführerischen Menschen, das können Männer wie Frauen sein, die alles überstrahlen. Ich wollte in meinem Film untersuchen, was das mit einer Person macht.“

Was bedeutet ihr jetziger Film für sie? „Das ist noch zu frisch jetzt, das kann ich erst in ein paar Jahren beantworten.“ Sie lacht. Aber in diesem Moment: Alles. Nein, korrigiert sie sich, nicht alles.

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