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Porträt Albrecht Schuch: Wider die Klischees

Aktualisiert: 1. Feb.

Er ist der Schauspieler der Stunde. An einem Nachmittag in Berlin erzählt Schuch von der Arbeit an "Im Westen nichts Neues" und wie er stereotypen Rollen entgeht.


Erschienen am 12.05.2023 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.


Das Café Einstein in Berlin ist ein untypischer Ort, um ­Albrecht Schuch zu treffen. Der Schauspieler schlägt gern Spaziergänge vor, bringt Kuchen mit, spricht auch mal barfuß. Heute aber Unter den Linden, in dem Café der Politiker und Medienleute. Die Kellner werfen gestärkte Decken über die Tische, gleich kommen alle zum Lunch. An den Wänden hängen Schwarz-Weiß-Fotos deutscher Politiker auf der einen, von Schauspielerinnen und Künstlern auf der anderen Seite. Dazwischen Schuch. Geschirr klappert laut. „Vielleicht in den Tiergarten?“ Er trinke nur seinen Kaffee aus. 


An diesem Freitag wird der Deutsche Filmpreis verliehen. Der Siebenunddreißigjährige ist als bester Nebendarsteller für „Im Westen nichts Neues“ nominiert. Es ist eine von vielen Preisverleihungen für den Film. Im März war die Produktion bei der berühmtesten vertreten, den Academy Awards – und gewann vier Oscars. Kein Beitrag aus Deutschland war je erfolgreicher. 


Albrecht Schuch spielt darin den Infanteriesoldaten Stanislaus Katczinsky, der, wie im Roman von Erich Maria Remarque, die jungen Rekruten unter seine Fittiche nimmt. Wie waren die letzten zwei Monate für ihn? Er lacht kurz. „Da waren viele erste Male. Und Begegnungen mit Menschen, die ich verehre.“ Phoebe Waller-Bridge, Brendan Gleeson, Paul Mescal. Solche Verleihungen seien aber wie Filme selbst: „Wir denken uns einen Preis aus und pumpen ihn mit Illusionen und Träumen auf.“ Er habe versucht, die Verleihung als Ganzes zu sehen. Neben den Stars: eine Polizistin, der Techniker, die Fans. Er scheint sich erden, am Boden bleiben zu wollen, abseits des Teppichs. 


Kann er sich den Erfolg des Films in den USA erklären? „Dass man Filme aus Deutschland mit Kriegsthema dort gern rezipiert, sehe ich. Dabei ist es weniger eine deutsche als eine menschliche Per­spektive, die eingenommen wird. Remarques Aussage ist darin unbestechlich.“ In den USA werde sie aber nicht unbedingt erkannt: „Krieg wird dort als Möglichkeit, Waffen werden als Argumente gesehen. Ich will niemandem zu nahe treten, aber der Umgang mit Veteranen ist so falsch: Einerseits kümmert man sich einen Scheiß um die Soldaten, die unter posttraumatischen Störungen leiden. Andererseits werden sie glorifiziert, überall gewürdigt, damit man ihnen das Gefühl gibt, sie stünden im Zentrum der Gesellschaft.“ Er findet das verlogen. 


Welche Lehren man aus den Gräueln des Kriegs zieht, davon handelt der Roman. Remarque stellte selbst heraus, dass es „mit Worten unmöglich ist, das Grauen der Welt zu erfassen“. Ist Film das richtige Medium, um vom Krieg zu erzählen? „Es sind ja viele Kunstformen, die beim Film zusammenkommen. Kamera, Musik, Kostüm, die stehen ja auch außerhalb des Films für sich. Schließlich ist man aber selbst der beste Kunstapparat. Es wird keinen besseren Film geben als den eigenen, den man beim Lesen erlebt.“


Wie aber spielt man einen Soldaten? Einen Menschen, der „alles vergessen hat, außer das Marschieren“, wie Remarque schreibt? Schuch – der selbst Zivildienst geleistet hat – versucht oft über die Schuhe herauszufinden, wie seine Figuren sich in der Welt bewegen. Katczinsky hat er sich über den Beruf genähert: „Er ist Schuster, einer, der Schuhe flickt. Er kommt vom Land, da, wo man sich damals noch um die zwei Kühe kümmerte.“ Ein Freund von ihm, erzählt Schuch, sei Bauer. Ihm hat er jetzt Katczinskys Weste geschenkt, weil er die Figur beeinflusst hat. Das Tagebuch seiner Urgroßmutter mit Bauernsprüchen hat ihn ebenfalls beeindruckt. „Sätze, die einem helfen, die Welt zu erfassen, wenn sie aus den Fugen gerät.“ Ein oder zwei sind davon im Film zu hören.


Schuch betreibt für seine Rollen großen Aufwand. Er liest viel, durchforstet Archive, sucht Erfahrungen von Menschen. Er spielte den SS-Mann Böhm von Stefan Zweig, den Anwaltssohn Labude von Erich Kästner, den Zuhälter Reinhold von Alfred Döblin. Auch für „Im Westen nichts Neues“ habe er viel Historisches gelesen. Aber nicht nur. Ein Schlüssel sei für ihn „They Shall Not Grow Old“ gewesen. Für den Film von 2018 hatte der Regisseur Peter Jackson Propaganda­material neu zusammengeschnitten. Bilder, bewegt oder nicht, helfen Schuch all­gemein: „In meiner kleinen Wohnung zum Dreh in Prag war meine Wand über und über mit Bildern gepflastert. Aus Bildern kann ich gut Emotionen extrahieren.“

Bedienen die aufwendigen Recherchen seine Neugier? Oder sind sie ein Bedürfnis nach Sicherheit? „Ich glaube an die Unsicherheit. Wenn ich mich zu sehr vorbereite, funktioniert es nicht.“ Er schiebt seine leere Tasse zur Seite. Er habe aus alten Fehlern gelernt. Bei seiner Rolle als ­Alexander Humboldt für „Die Vermessung der Welt“ soll er mit Aktenordner im Dschungel gesessen haben. „Irgendwann muss man aufhören und sich auf das Spiel mit dem Gegenüber einlassen.“ Raus? Er setzt den Rucksack auf. „Ja!“


Draußen ist es warm und sonnig, wir gehen zum Tiergarten. Er zieht eine Sonnenbrille auf, seine „desert boots“ stauben auf dem Kies. In der Hand hält er eine Brotbüchse aus Aluminium. Ist er auf­geregt wegen Freitagabend? Den Preis hat er ja schon dreimal gewonnen. „Total.“ Gewöhnt man sich nicht daran? „Nee! Ich hasse es, ohne Fremdtext auf der Bühne zu stehen.“ Er komme davor nicht richtig zum Schlafen, bekomme Atemprobleme.


Gegenüber der Russischen Botschaft schallt ein ukrainisches Lied leise aus einem kleinen Lautsprecher, Bilder vom Krieg liegen auf dem Boden, eine blau-gelbe Fahne weht im Wind. Die Dreharbeiten zu „Im Westen nichts Neues“ begannen ein Jahr vor dem Angriffskrieg. Seit Erscheinen hat das Thema den Film begleitet. Schuch stört sich daran: „Ich fand es etwas zu kurz gedacht. Es herrschen ja immer Kriege. Ich will das auch gar nicht so groß machen. Es geht nur darum, dass wir uns wohl einfach gewöhnt haben an gewisse Kriegsschauplätze.“ 


Wir laufen unter der Quadriga hindurch auf die grüne Front der Laubbäume zu. Im Schatten der Blätter nimmt er die Sonnenbrille ab. Seit 13 Jahren lebt er in Berlin, in Neukölln. Geboren wurde er in Jena, als Sohn einer Ärztin und eines Psychiaters. Wie seine Schwester Karoline ging er der Schauspielerei nach, lernte das Fach in Leipzig, spielte Theater in Berlin und Wien. Von seinen Eltern schaute er sich ab, seine Rollen „Patienten“ zu nennen. „Man darf nicht werten oder unterscheiden, wer da vor einem ist. Es geht mir dabei nur um den Prozess: sich dieser Person anzunehmen und dann Informationen zusammenzuführen.“ Nur bei der Lösung, da hinke der Vergleich: Die ­brauche ja nicht jede seiner Figuren. Man überprüfe vielmehr Stereotypen. Hat er nach dem internationalen Erfolg Sorge vor Angeboten aus Übersee, die Klischee-Rollen für deutsche Schauspieler parat haben? „Die Klischees lagen schon auf dem Tisch.“ Fiel es leicht, abzusagen? „Absagen fällt mir leichter als zusagen.“ 


Die Rollen, für die er sich entschied, zeigen, wie wandelbar er ist: Soldat, Wissenschaftler, Polizist, Sozialarbeiter, Drogenhändler, Schriftsteller, Banker. Nicht alle waren gleich herausfordernd. Als er Uwe Mundlos spielte, mit Anfang 30, brachte ihm seine Darstellung Lob wie Kritik ein: Einigen gefiel es nicht, dass er den NSU-Terroristen als Mensch zeigte. „Bei ihm musste ich meine persönliche Meinung, meine politische Haltung wegschaffen.“ Wie macht man das? „Man muss immer wieder über die Gründe sprechen und zeigen: Das sind Menschen, die neben dir sitzen. Wir dürfen uns die nicht vom Leib halten. Nur so kann man Wege finden, das nicht noch mal passieren zu lassen.“ 


Die Plätze auf den Bänken sind besetzt oder zu sonnig. Wir gehen weiter. Am Wasser im Halbschatten eine freie Bank. „Stört es, wenn ich mein Müsli esse?“ Gleich müsse er zum nächsten Termin. Er löffelt den lila Brei aus der Büchse. Was war die Herausforderung bei Katczinsky? „Der Drehtag, als er den Witz aus der Schulzeit erzählt. Lachen finde ich die schwerste Emotion. 30, 40 Mal ein Lachen zu reproduzieren, das kommt mir falsch vor.“ Spielt er deshalb so wenig humorvolle Rollen? „Ich versuche immer etwas Komik einzuimpfen, die nicht im Drehbuch steht.“ Komödien mag er ohnehin nur, wenn sie auf dem Tragischen fußen.

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