Kleine Meinung: Monster wie wir


Es gibt Dinge, die lassen sich nur schwer erzählen. Nicht weil sie so abstrakt sind, sondern weil sie so konkret sind, dass sie sich jeglicher Poesie entziehen. Es sind Dinge, über die wenig gesprochen wird, die dadurch kaum eine Sprache finden. Vor allem keine literarische. Wie beispielsweise der Missbrauch von Kindern.


Ulrike Almut Sandig erzählt davon in ihrem Debütroman „Monster wie wir“ (Schöffling & Co., 240 Seiten, 22 Euro), von physischer, psychischer, von sexueller Gewalt an Ruth, ihrem Bruder Fly und ihrem besten Freund Viktor.


Sie wachsen in der zusammenbrechenden DDR auf, im Nirgendwo; sie als Pfarrerstochter, Viktor als Kind ukrainischer Einwanderer. Die Kinder werden geschlagen und Ruth von ihrem Großvater, Viktor vom Mann seiner Halbschwester sexuell missbraucht. „Alles beginnt damit, eine Ohrfeige für das natürliche Ende eines Gesprächs zu halten.“


So verstummen die Kinder und versuchen fortan, ihre Sprache zu finden: Die Erwachsenen in Ruths Welt sind saugende Vampire, sie selbst ist eine Untote, die obsessiv Geige spielt und „mit offenen Augen schläft“. Und Viktor ein Junge, der zum Yeti heranwächst, sich irgendwann den Kopf kahl rasiert und so zum realen Monster, einem „salaud de nazi“ wird. Was wirklich beängstigt, sind dabei die Kinder als erwachsene Gestalten, wenn Viktor sein „faltiges Lachen“ zeigt, „das allen anderen Vierjährigen Angst einflößt“.


Seine Hoffnung, als Au-pair in der Provence der Gewalt entfliehen zu können und eine ganz neue Sprache zu lernen, wird enttäuscht. Missbrauch findet sich überall. Viktor in diese schöne Landschaft zu versetzen ist brillant: Denn so entwachsen die kindlichen Horrormetaphern zu einer bildstarken Prosa, die sich aus der französischen Landschaft speist, um Gewalt zu erzählen – und die sich zuletzt in einer der stärksten Szenen am Ende des Romans ganz entfaltet. So findet zumindest der Roman eine Sprache für diese Gewalt. Auch wenn die schließlich Erwachsenen nie darüber sprechen werden. caod


Erschienen am 30. August 2020 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

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