Performancekunst: Ich sehe dich, der du mich siehst

Aktualisiert: Mai 6

Während der Kontaktbeschränkungen empfing der Künstler Clemens Krauss mehr als hundert Isolierte zur Online-Therapie. Ein Selbstversuch.


Erschienen am 3. Mai 2020 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung


Punkt dreizehn Uhr rufe ich Clemens Krauss über Facetime an. Der Künstler slash Psychoanalytiker bietet über die Website des Haus am Waldsee in Berlin-Zehlendorf kostenlose fünfzigminütige Sitzungen an: „Isolation Consultation“ nennt er sein Kunstprojekt. Vier Wochen lang hat er in über hundert Sitzungen mit Menschen von fast allen Kontinenten über ihr Leben gesprochen. Nun also auch mit mir.


Ich habe ziemlich Respekt, also Angst, davor, eine Unterhaltung mit einem Fremden einzugehen, bei der ich von vornherein weiß, wie sie ablaufen wird und auf was sie im besten Fall hinauslaufen soll: Schweigen, Frage, Ausweichen, Schweigen, Frage, Antwort, hoffentlich: eine neue Erkenntnis. Aber vielleicht ist das nun die Gelegenheit, denn da solch eine Art von Gespräch gerade nur virtuell möglich ist, kann ich auch einfach aussteigen, wenn mir das alles zu viel wird: Klappe zu, Gegenüber tot, Eskapismus 2.0, olé!

Es klingelt, und ich hoffe sehr, dass er mich nicht direkt anschweigt und dann etwas sehr Persönliches fragt – am besten so unbestimmt formuliert, dass ich entweder direkt etwas viel zu Persönliches erzähle oder ihn sarkastisch anblaffe. Er nimmt ab, und wir spielen uns ein paar Floskeln hin und her.


Er weist mich darauf hin, dass sich solch eine Online-Sitzung durch eine wichtige Prämisse von einer physischen unterscheidet: Wir blicken uns nie direkt in die Augen. Blicke ich ihn an, blicke ich nach unten, und anders herum. Ich versuche es trotzdem und starre kurz in das einsame, tote Auge an der iPad-Kante. Darüber hinaus (das erzählt er mir später) kann er Körpersprache, Haltung, mein Auftreten nicht im gleichen Maß beobachten (Gott sei Dank!). Dafür aber bekommt er, drittens, durch die Räume im Hintergrund einen Eindruck von der Person, den er sonst nicht bekommen würde (antizipiert, Küche gewählt, im Hintergrund ein Druck von David Hockneys „Mr. and Mrs. Clark and Percy“). Viertens, seine Klientinnen können viel über ihn ergooglen (antizipiert, beim Oberflächlichen belassen). Das würde ein praktizierender Psychoanalytiker natürlich versuchen zu vermeiden. „Die Neutralität ist also nicht im gleichen Maß geboten.“


Ich merke schon, dass ich aufpassen muss, nicht in meine übliche Rolle zu verfallen, nämlich selbst die Fragen zu stellen, kann es aber dann doch nicht lassen: „Gibt es die Neutralität denn sonst?“ „Wenn Sie einer fremden Person in einem fremden Raum begegnen, schon eher als so.“ „Warum ist die denn wichtig?“ „Eine Person, die in keiner Weise mit Ihnen verbunden ist, kann Ambivalenzen erkennen und stehen lassen.“ Ich halte das für Unsinn, entschuldige mich aber, ich weiß ja, was er meint, und versuche, ihm etwas Stoff zu geben: „Wissen Sie, ich denke, ich stelle einfach lieber die Fragen. Das gibt mir die Kontrolle.“ „Warum mögen Sie es nicht, ohne Kontrolle zu sein?“ „Ich mag das schon, aber ungern vor jemand Fremden“, sage ich, und merke, dass dieses Fremde nicht nur er ist, sondern auch das Abbild von mir, das als Über-Ihm aus Nullen und Einsen in der Bildschirmecke leuchtet.

Auch wenn ich es versuche zu ignorieren, blicke ich doch öfter auf mein Abbild und streiche mir dabei meist durch die Haare, die irgendwie nicht sitzen wollen. Er macht das besser, meine ich zumindest. Als ich ihn abends nochmal als Autorin-nicht-Klientin anrufe, gibt er jedoch zu: „Auch ich hatte ein bisschen Angst, als ich mit Ihnen geredet habe.“


Denn unser Interview im Interview bricht sein Konzept auf: eine unsichtbare Performance, bei der Künstler und Gast präsent, aber nicht anwesend sind und Kameras vermitteln, aber nicht festhalten. Die gemeinsame Gegenwart bleibt, aber der geteilte Raum ist aufgelöst, und über das, was gesprochen wird, wird danach geschwiegen. Zumindest fast: Auf der Website des Haus am Waldsee fasst Krauss in kurzen Videos zusammen, was seine Patienten bewegt, eine Art kollektive Supervision sozusagen. Anders als andere Therapeuten steht er als Künstler selbst im Fokus, was ganz besonders für unser Gespräch gilt. Das Wissen darum korrumpiert uns.


Vielleicht kontere ich deshalb in der Sitzung mit der Frage, warum man in der Psychoanalyse so viel Wert auf Neutralität legt, wenn die doch nie gegeben ist, und ob es nicht sinnvoller wäre, mit Vertrauten zu besprechen. „Eine wichtige Erkenntnis der Psychoanalyse ist, dass, wenn man über etwas redet, auch gleichzeitig immer nicht über etwas redet. Wir reden hier gerade viel von Modalitäten.“


Ich schaue auf die Uhrzeit am Displayrand, es ist halb zwei, und ich bin ein bisschen stolz darauf, dass ich mich so schön selbst sabotiert habe (antizipiert); natürlich ist es mir auch etwas peinlich, weil wir beide genau wissen, dass ich das die letzte halbe Stunde getan habe. Okay, keine Fragen stellen! „Ich weiß nicht genau, was ich sagen soll.“ „Es geht nicht darum, was man sagen muss, sondern sagen darf.“ Ich frage mich, ob man bei der Ausbildung zum Psychoanalytiker eigentlich ein kleines Handbuch bekommt: „Sätze, in denen Sie nur ein Wort austauschen müssen, um ihnen ganz viel neue Bedeutung zu geben.“


Also gut, worüber rede ich gerade nicht? „Ich werde übermorgen achtundzwanzig. Also nicht alt, aber ich finde es trotzdem schade. Keine Sorge, das ist keine Quarterlife-Crisis.“ „Davon habe ich schon mal gehört. Ein schwieriger Begriff.“ „Finde ich auch.“ „Dann müsste man für alle fünf Jahre einen Lebenskrisenbegriff haben.“ „Außerdem finde ich es frech, dass davon ausgegangen wird, dass man hundert wird. Bei all den Krisen will das dann doch niemand. Leben ist ja eine einzige Krise.“ Oh nein, ich spreche Handbuch-Sätze. Er hält lachend einen Stapel loser Notizblätter in die Kamera: „Die letzten vier Wochen Leben und Krisen! Aber erzählen Sie mal.“


Ich erzähle ein bisschen davon, dass ich älter werden okay finde, im Zweifel werde man schließlich nur schlauer, im besten Fall reicher, ich würde das Altern nur gerne selbst bestimmen können. „Warum?“ „Dann muss man nicht allem so viel Bedeutung geben.“ „Wenn Sie diesen Satz sagen, welche Stimme spricht dann?“ Ich weiß, dass es meine ist.

„Meine“, sage ich noch, und er kann nur antworten: „Wir sind am Ende unserer Zeit. Schade, aber das passiert oft.“ Ich glaube wir sind beide ein bisschen enttäuscht von mir. Er fragt mich, ob ich noch eine zweite Sitzung machen möchte. Ich sage, ich überlege es mir.

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