Black Lives Matter: Macht der Willkürlichkeit

Die chinesische App Tiktok ist zur Plattform der Proteste in den Vereinigten Staaten geworden. Ausgerechnet.


Erschienen am 21. Juni 2020 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung


Was Amerika ist, davon sang Childish Gambino vor zwei Jahren in „This is America“. Das Lied und mehr noch das Musikvideo erzählen von den Vereinigten Staaten, wie er sie sieht und erlebt, und mit „er“ ist nicht er persönlich gemeint, sondern „er“ als schwarzer Amerikaner. Der Song wurde damals schon zur Hymne. Im Zuge der Black-Lives-Matter-Proteste der letzten Wochen erhielt er nun, wenn auch keinen neuen, so doch aber einen konkreten Rahmen: und zwar durch Tiktok. „This is America“ tönt millionenfach in den kurzen Clips der App an, die von Protestierenden unter den Hashtags „Black Lives Matter“ und „George Floyd“ hochgeladen werden.


Und dieses Amerika ist keines, in dem man leben möchte: Man sieht eine Polizistin, die tanzend Protestierende nachäfft; oder eine Siebzehnjährige, die versucht, sich Tränengas aus den Augen zu waschen; dann Polizisten, die Wasserflaschen ausleeren, um das zu verhindern. Man sieht zerschlagene Schaufenster, geplünderte Läden, brennende Straßen und zwei Pollzisten, die mit Gummigeschossen in eine friedliche Menge schießen; Polizisten, die zu viert einen einzelnen Mann überwältigen, der ein Schild hochhielt; oder zu sechst das Auto eines Pärchens einschlagen und beide tasern, bis der Fahrer bewusstlos ist. „This is America, Look at how I’m livin’ now, Police be trippin’ now“ – Childish Gambinos Text passt nur zu gut zu den Bildern und wird mit jedem Clip weiter eingemeißelt.


Das also ist Amerika: Es ist ein Amerika voller Häme und Gewalt, das man sieht – und es wird gesehen. Fast elf Milliarden Mal wurde #BlackLivesMatter benutzt. Tiktok ist damit zur wichtigsten Plattform geworden, die Proteste vor allem in den Vereinigten Staaten zu dokumentieren. Ausgerechnet Tiktok – eine Plattform des chinesischen Unternehmens Bytedance, die hauptsächlich von Jugendlichen genutzt wird, um unterhaltende, wenn auch eher sinnbefreite Inhalte zu posten – ist nun zum politischen Medium der Stunde geworden.


Nicht nur des Inhalts, mehr noch seiner Form wegen. Der Protest findet schließlich auf allen sozialen Medien statt. Tiktok ist aber nicht textlastig wie Facebook, und fordert auch kein sorgfältiges Kuratieren von Bildern wie Instagram. Wer sich anmeldet, wird direkt in einen Pool von Videos geschmissen, von denen keines länger als sechzig Sekunden dauert, und die sich so lange wiederholen, bis man weiterwischt. Was als Nächstes kommt, ist unklar. Zwar experimentieren auch Facebook und Instagram mit der Funktion. Für Tiktok ist das vermeintlich Zufällige aber essentiell.


Damit ahmt die App in seiner Form den Protest selbst nach: Man wird zugeschüttet mit Eindrücken, bewegt sich durch eine Masse an bewegten Bildern, denen man sich nicht entziehen kann. Alles könnte passieren: Manche Menschen erzählen hier humorvoll, andere wiederum traumatisiert von ihren Erlebnissen; sie filmen gewaltsame Zusammenstöße, genauso wie versöhnende Momente mit der Polizei; sie kommentieren die neuesten Schlagzeilen, geben Tipps, wie man sich auf den Protesten am besten schützt; und halten fest, wie auf den Straßen körperlich und verbal gekämpft wird. Wischt man lange genug durch diese Beiträge, erahnt man die Wucht und Willkür der Ereignisse.


Dass es nach der Ermordung George Floyds zuerst kurzzeitig keinen einzigen View zu #GeorgeFloyd oder #BlackLivesMatter gab, blieb natürlich nicht unbemerkt. Eine Woche vor Floyds Tod hatten sich die schwarze Community und deren Verbündete bereits gegen Tiktok gewandt, weil sie festgestellt hatten, dass sie von Algorithmen benachteiligt werden – ein Vorwurf, dem sich Tiktok auch von anderen Seiten ausgesetzt sah. Laut Berichten und Tests liebt der Algorithmus der App nämlich vor allem das, was weiße, junge, dünne und reiche Menschen so in die Kamera tanzen.


Das sei ein technisches Problem gewesen, welches auch andere Hashtags betroffen habe, entschuldigte sich Vanessa Pappas, Tiktoks Gerschäftsführerin in den Vereinigten Staaten: „Wir verstehen, dass viele diesen technischen Fehler als eine absichtliche Handlung aufgefasst haben, die Erfahrungen und Emotionen der schwarzen Community zu untergraben.“ Man wolle das Vertrauen wiedergewinnen. Das wirkt zynisch vor dem Hintergrund, dass es auf Tiktok kein einziges Video der Proteste in Hongkong gab. Das Unternehmen erklärte damals, dass die App zur Unterhaltung da sei, nicht für politische Inhalte. Dass hier zensiert wurde, ist naheliegend.


Bisher sind es vor allem die Demokraten in Washington, die versuchen, gegen Tiktok vorzugehen, weil sie die Datenschutzrechte von Jugendlichen verletzt sehen. Dass der chinesische Konzern nun gerade den Protesten ein Sprachrohr und eine Leinwand gibt, in denen sich die Vereinigten Staaten gegen sich selbst auflehnen, hebt die Videos auf eine weitere, eine global-politische Ebene, die sich wohl erst noch entfalten wird.


Tiktok ist jedoch nicht erst seit Black Lives Matter ein politisches Medium. Die Taktzahl der Krisen, die, seit Tiktok auf dem Markt ist, eingetreten sind, ist hoch: Ob Corona oder Klima, die Brände in Australien, der Brand von Notre-Dame, die Internierung von Muslimen in China – alles wurde von den oft bitter-komischen Clips begleitet. Wie es der „Guardian“ treffend beschrieb, sei Tiktok aber nicht da, um zu informieren, sondern vor allem: um zu politisieren.


Ein Problem, das im Internet natürlich nicht neu ist, sich für Tiktok aber als besonders ironisch darstellt. Denn die Zufälligkeit der Form zielte darauf ab, genau das nicht zu sein: Es gibt keine Chronologie, das Datum wird nicht angezeigt, sehr vage Richtlinien untersagen politische Werbung und erlauben es, dass Videos schnell gelöscht werden können. Das machte es aber nur umso einfacher für junge Menschen, ihrer Sicht der Dinge eine Plattform zu geben.


Es ist nicht abzustreiten, dass das Potential, zu manipulieren, hier besonders groß ist – gerade, weil die Nutzenden so jung sind. Was die Black-Lives-Matter-Proteste aber zeigen: Es geht weniger um eine Deutungshoheit, sondern um ein multiperspektivisches Bild, das so nur durch eine gewisse Willkürlichkeit entstehen kann. Bemerkenswert ist dabei, wie zwischen all der gewalttätigen Wut vor allem eine kreative Wut Raum einnimmt.


Zum Beispiel, wenn ein Jugendlicher die ungeschriebenen Regeln seiner Mutter für ihren schwarzen Sohn rhythmisch vorträgt: „Zieh keine Bandanas an. Schau keine weißen Frauen an. Geh niemals ohne deinen Ausweis aus dem Haus.“ Oder eine junge Frau, die ganze Szenen aus dem Film „The Hate U Give“ zitiert: „Wer bin ich, das nichtbedrohliche schwarze Mädchen?“


Oder wenn ein junger Mann auf dem Display erscheint, der mitten in der Protestmenge ein Schild mit der Aufschrift „No Lives Matter until Black Lives Matter“ hochhält und leise anfängt „A Change Is Gonna Come“ zu singen. Dass das Lied nach mehr als fünfzig Jahren immer noch aktuell ist, kann man erschreckend finden – oder so eine Szene kitschig, weil sie inszeniert sein könnte.


Wenn aber dieser junge Mann zwischen all den Bildern einer brutalen Gegenwart auftaucht und mit Sam Cookes Selbstvertrauen singt, dass er weiß, dass ein Wandel kommen wird, dann ist auch das Amerika.

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