Interview mit Robert Egger:„Als guter Designer musst du vor allem eins können: zuhören.“


Seit fast 30 Jahren arbeitet Robert Egger für den kalifornischen Fahrradhersteller Specialized und ist eine der treibenden Kräfte in der Industrie. Seine unkonventionelle Art eckt an – und macht ihn zum Vorkämpfer für avantgardistische Designs. Ein Gespräch darüber, wie man Neues schafft, wenn man Creative Director einer Firma ist, deren Slogan

„Innovate Or Die“ lautet.


Erschienen in Craftrad Printausgabe “The Future is Yours” über Innovation 2/2015


Wenn wir von „Innovation“ sprechen, meinen wir oft eigentlich „Idee“. Die Definition von Innovation beinhaltet, dass sich eine Idee tatsächlich auch durchsetzt. Was bedeutet der Begriff „Innovation“ für dich persönlich?

ROBERT: Für mich steckt da vor allem der Arbeitsweg drin: Wer innovativ ist, denkt anders. Nur wer in der Lage ist, Dinge anders zu betrachten und anzugehen, kommt zu einem anderen Ergebnis. Das hat einen entscheidenden Vorteil: Man löst sich von bisherigen Regeln. Wenn ich ein Produkt kreiere, das vollkommen aus dem Rahmen fällt, ist es schwer, es anhand gängiger Kriterien zu bewerten. Jedes neue Design bewegt sich anfangs in einer Grauzone, die Leute wissen nicht genau, was sie damit anfangen sollen, es ist nicht einzuordnen – zumindest nicht nach gelernten Mustern. Es macht mir Spaß,

damit zu spielen.


Dass das Produkt für gut und markttauglich befunden wird, spielt gar keine so große Rolle?

Zumindest nicht direkt. Ich arbeite sehr viel an Concept-Designs. Meistens ist der Markt nicht bereit dafür. Die Mehrzahl der Kunden ist sehr konservativ: Wer zehntau-

send Dollar für ein Fahrrad zahlt, will lieber etwas, was sich schon lange bewährt hat. Der Großteil der Sachen, an denen ich arbeite, wird drei, fünf, manchmal erst zehn Jahre später

realisiert. Tatsächlich sind wir gerade dabei, ein Fahrrad zu produzieren, das ich vor zehn Jahren designt habe. Timing ist nun mal essentiell im Job eines Designers: Manchmal

passt es perfekt, manchmal bist du zu früh, und dann musst du das Produkt so abändern, dass die Leute es annehmen – oder warten.


Wie kann es sein, dass es ein paar wenige gibt, die Produkte als zeitgemäß empfinden, zehn Jahre bevor es der Mainstream tut?

Diese kleine Gruppe Menschen ist auf der ganzen Welt verstreut. Sie haben eine ähnliche Weise zu denken, kommen daher auf ähnliche Ideen, entwerfen ähnliche Designs. Dann

gibt es Menschen, die erkennen, dass das gute Entwürfe sind. Das weitet sich aus, und dann kann man davon reden, dass diese Designs erfolgreich sind, dann erreichen sie den

Markt. Das ist in uns drin, der Mensch ist eine strebende Kreatur – und er will das, was er nicht hat. Die meisten Menschen kaufen sich doch letztendlich Dinge, weil sie

trendy sind. Vielleicht hat das dann auch ein großartiges Design, aber dass es gekauft wird, liegt an dem Momentum, nicht am Design.


Wie nimmst du diesen Druck als Designer wahr: einerseits Produkte entwerfen zu müssen, die dieses Momentum sofort haben, und andererseits avantgardistische Designs zustande zu bringen, die die gesamte Entwicklung vorantreiben?

Klar, als Designer bei Specialized bin ich Mädchen für alles und muss beide Welten bedienen. Ein Teil von mir muss Futurist sein und in eine Kristallkugel schauen und sich fragen, was die kommenden Generationen wohl mögen werden. Das ist nicht immer erfolgreich. Das Einzige, was man also tun kann, ist produktiv zu sein und in der Gegenwart Arbeit

zu leisten, die vielleicht auch erst in der Zukunft Früchte trägt. Wenn es ein, zwei Designs schaffen, kann man das als Erfolg einstreichen.


Wo fängst du an, wenn du etwas komplett Neues kreieren willst? Ich habe schon einige sehr

verrückte Concept-Räder von dir gesehen...

Ich verlasse mich auf halluzinogene Drogen. (lacht)


Soll bekanntlich schon bei anderen funktioniert haben ...

Die haben aber sicher keine Fahrräder gebaut. Nein, im Ernst, es ist recht simpel: Ich höre Menschen zu, beobachte, was vor sich geht, wie sie sich verhalten, und versuche anhand dessen vorauszusehen, was sie wohl zukünftig sagen werden, wie sie sich verhalten werden. Jeder Mensch, mit dem du dich unterhältst, hat irgendeine Art von Idee. Manche sind besser, manche schlechter, aber egal, mit wem du sprichst, jeder wird dir seine Sicht der Dinge schildern können oder dir von Dingen erzählen, von denen du selbst keine Ahnung hast. Ich glaube, als guter Designer muss man aufgeschlossen sein und versuchen, so viele Informationen wie möglich aufzusaugen. Eigentlich ist das für jeden Beruf essenziell, ob du Bäcker oder Künstler bist, du nimmst das auf, was deine Umwelt dir gibt.


Nun gibt es einige Menschen, die gar nicht so sehr daran interessiert sind, Neues zu schaffen. Sie wenden sich lieber dem zu, was sich schon bewährt hat. Vinyl wird iTunes, Vintage wird Nike vorgezogen. Und im Zweifel lieber eine alte Honda CB 750 gefahren.

Das kann ich gut verstehen. Ach, ich liebe die CB 750! Mit den alten Hondas bin ich quasi groß geworden. Diese Motorräder haben etwas ganz Eigenes, sie sind ehrlich, sie

strahlen etwas Heilsames aus. Und sind auf das reduziert, was ein Motorrad sein soll: zwei Räder, ein Sitz, ein Lenker, ein Motor. Kein Plastik, kein Schnickschnack. Dieser Trend

orientiert sich an Sachen, die bestehen werden. Gerade erst habe ich eine alte 1950er Honda Dream restauriert: Was für ein wunderschönes, ikonisches Design! Was mich fasziniert

ist, wenn man sich auf ein so altes Motorrad setzt und losfährt, alles andere abschaltet. Die Zeit vergeht langsamer, dich interessiert nicht, ob du jemanden mit deinem Geknatter auf den Schlips treten könntest, dir ist egal, was du außer Lederjacke und Helm anhast.


Ist also Motorradfahren das Gegenstück zum Radfahren? Da geht es dir ja bekanntlich oft um Schnelligkeit.

Oh, unbedingt. Als ehemaliger Profi-Radrennfahrer bin ich bis heute höchst kompetitiv. Ich glaube immer noch, ich bin der Allerschnellste! Motorradfahren war eine andere Art von

Leidenschaft: In meiner Jugend hatten wir Dirt Bikes, mit Motorradfahren bin ich aufgewachsen. Allem, was zwei Reifen hat, bin ich verfallen. Heute noch habe ich in meinem

Garten einen Dirt Bike Track. Fahrräder zu bauen, liegt mir aber im Blut. Die baue ich nur, um mir Motorräder kaufen zu können. (lacht)


Woher wusstest du, dass Fahrräderbauen für dich beruflich mehr Sinn hat?

Ich bin als Jüngster von zehn Geschwistern auf einer Farm groß geworden. Wir hatten nicht sehr viel Geld, also bekam ich die alten Sachen der anderen. Mein erstes Fahrrad war das alte meiner Schwester, ein richtiges Mädchen-Fahrrad. Meine Brüder machten sich ständig über

mich lustig. Und der Nachbarsjunge fuhr jeden Mittag nach der Schule mit seinem knallroten, neuen Fahrrad vorbei. Dieses Fahrrad wollte ich mehr als alles andere. Jeden Tag bettelte ich, auch so ein schönes Fahrrad zu bekommen. Eines Tages kam mein Vater dann nach Hause und sagte: „Robert, ich hab’ was für dich.“ Ich war so aufgeregt, rannte nach draußen, aber anstatt des roten Fahrrads war da nur ein Haufen Schrott vom Velvet Yard,

einem Wertstoffhof für alte Fahrräder. Mein Vater drückte mir einen Hammer, eine Zange und Draht in die Hand und sagte: „Hier ist dein neues Fahrrad.“ Ich baute das

Fahrrad. Es liegt mir.


Welche Motorräder hast du dir letztendlich vom Fahrradbauen gekauft?

Eine Honda CRF 450 Supermoto, eine Ducati 1000, eine Honda 305 von 1965, eine Vespa GS 160 aus dem selben Jahr und kürzlich habe ich eine BMW R 65, Baujahr 1974 gekauft. Ich mag die alten Dinger, sie sehen so schön aus.


Du baust Fahrräder für 2025, fährst aber in deiner Freizeit Motorräder von 1965.

Ich mag die Tatsache, dass ich mit all diesen futuristischen Dingen arbeite. Aber ich schätze alte Gegenstände. Neues kann man nur wertschätzen, wenn man Altes wertschätzt.

Getreu dem Spruch: Du musst die Regeln lernen, bevor du sie brechen kannst.


Wohin bringen uns aber solche Trends? Wenn wir anfangen, die Vergangenheit mehr zu schätzen, als die Zukunft – und damit keine Regeln mehr brechen?

Ich sehe das nicht so streng. Eigentlich ist es doch jetzt zum Beispiel eine spannende Zeit, in der Motorradindustrie zu arbeiten! Es steht einem offen, sich der Zukunft oder der

Vergangenheit zuzuwenden. Die Leute sind in der Lage, in beide Richtungen kreativ zu werden: Sie können ein altes Bike nehmen und neue Teile dranschweißen, oder sie

können ein neues Bike nehmen, und es wie ein altes Bike aussehen lassen. Es gibt viel mehr Möglichkeiten, als sich nur einer Richtung zuzuwenden.


Wer gibt die Richtung vor: Käufer oder Industrie?

Heutzutage richten sich Firmen viel stärker nach dem Kunden. Letztendlich ist einer Firma wie Specialized eine Sache am wichtigsten: den Kunden zufriedenzustellen. Schau dir

unsere Rider’s First Collection an: Hier wird jeder Rahmen an den einzelnen Kunden angepasst. Es soll sichergestellt werden, dass wir das perfekte Rad für den Kunden machen

– aus seiner Sicht. Der Kunde diktiert heute den Unternehmen viel stärker, was sie produzieren sollen.


Specialized ist in dieser Hinsicht sehr fortschrittlich. Wie hat die Marke die Industrie verändert?

Ich bin sehr stolz, dass wir einen hohen ästhetischen Anspruch in der Fahrradindustrie etablieren konnten. Ich arbeite nun seit 30 Jahren für diese Firma. Als ich anfing,

waren Fahrräder lediglich auf ihre Funktion ausgerichtet. Für mich war und ist es großartig, bei einem Unternehmen zu arbeiten, dem es so wichtig ist, dass Ästhetik und Funktion makellos sind und perfekt zusammenarbeiten. Jemanden auf einem schönen Bike zu sehen, der Spaß am Fahren hat, das ist das Optimum. Gleiches gilt für die Motorradindustrie. Teil einer Industrie zu sein, die Menschen so viel Freude bereitet, ist ziemlich befriedigend.


Die Motorradindustrie hat teilweise etwas Probleme gehabt, ihre Kunden zufriedenzustellen.

Das ist die schwere Aufgabe der großen Unternehmen: wichtige Trends zu erkennen. Und umzusetzen. Denn große Firmen haben viele Komitees, viele Komitees haben viele

Mitglieder. Da wird viel geredet, viel abgesegnet oder eher nicht abgesegnet. Das dauert alles. Und in der Regel dauert es zu lang.


Sollte der Designer direkt entscheiden dürfen, was umgesetzt wird?

Das wäre ein Zeichen gesunden Menschenverstands. Große Unternehmen – seien es Honda, BMW oder Specialized – arbeiten viel zu langsam für heutige Standards. Eine direkte

Entscheidungsinstanz würde vieles verkürzen.


Glaubst du, sie werden das ändern?

Ab einem gewissen Punkt werden sie dazu gezwungen sein. Aber dieser Wandel wird sich nicht schnell genug vollziehen.


Übersetzt aus dem Englischen.

© 2020 CAROLINE JEBENS